... eine kurze biographische Annäherung

[Fortsetzung]

Im Herbst 1920 verließ der Klosterschüler auf Anraten seiner Oberen als Untertertianer das Kolleg. 1921 begann er bei den Barmherzigen Brüdern von Maria Hilf in Trier das Postulat in der Krankenpflege. Kurze Zeit später wandte er sich aber dem Juvenat bei den Armen Brüdern des Hl. Franz Xaver in Bleyerheide nahe Aachen zu (23.4. 1921 bis 1924). Während dieser Zeit entstanden Stefan Andres erste dramatische Versuche. Auch die Armen Brüder boten ihm keine Heimat und Stefan Andres bereitete sich 1925/26 in Neuss auf das Lehrerexamen vor, das er am 17.3. 1926 ablegte.

Stefan Andres wohnte in Dormagen und arbeitete außerhalb der Examensvorbereitungen an einer geschlossenen Anstalt für Fürsorgezöglinge. Noch ein weiteres Mal versuchte er das klösterliche Leben und trat in das Noviziat des Kapuzinerordens in Krefeld-Inrath ein (September 1926). Am Ende des Noviziats wurde ihm das consilium abeundi ausgehändigt.

Anfang Januar 1928 übernahm er schliesslich die Schriftleitung der katholischen Monatszeitschrift “Der Marienborn”. Sie bot ihm Raum für die Veröffentlichung früher, von ihm später wenig geschätzter Arbeiten.

Im Bischöflichen Konvikt in Bensheim konnte er dann als Lateinlehrer unterrichten; gleichzeitig bereitete er sich selbst auf das Abitur für Nichtschüler vor. Dieses legte er im Februar 1929 ab.

Bei der Rückkehr in das Elternhaus fiel sein Entschluss, sich nicht mehr als Ziel die Theologie zu setzen. Vielmehr richtete sich sein Studienwunsch auf die Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Zum Studienort wählte er sich Köln (1929-1931). Von dort aus war es ihm möglich, Kontakte zur Düsseldorfer Künstlerszene zu knüpfen. Mit dem Sommersemester 1931 setzte er seine Studien an der Universität in Jena fort. Dort lernte er seine spätere Frau kennen, die Medizinstudentin Dorothee Freudiger. Trotz bescheidener finanzieller Verhältnisse wechselte Stefan Andres im Wintersemester 1931/1932 an die Friedrich-Wilhelms-Universität (jetzt Humboldt – Universität).

Als Stefan Andres “Bruder Lucifer” erschien, erhielt er ein Stipendium der Abraham-Lincoln-Stiftung. Damit verwirklichte er sich 1932 den Traum einer Italienreise; die sollte bleibende Folgen haben. Einen akademischen Abschluss erwarb der junge Autor nicht mehr. Nach seinem Umzug nach Köln heiratete Stefan Andres 1932 Dorothee Freudiger, die eifrigste Förderin seines literarischen Schaffens.

Im nationalsozialistischen Deutschland gelang es dem jungen Autoren nur schwer, Fuß zu fassen. Sein Leben bewegte sich in diesen Jahren zwischen Angst und Anpassung. Seine Tätigkeit beim Kölner Rundfunk unterbrach er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und zog sich schließlich im Frühjahr 1933 mit seiner halbjüdischen Frau nach Positano (Italien) zurück. Auf eine kurze Zeit kehrten beide zurück, bevor ihm 1935 beim Rundfunk gekündigt wurde. Über Lomnitz, wo die Schwiegereltern lebten, und München wandten sich die Emigrierenden 1937 mit Familie wieder dem Mittelmeerstädtchen Positano zu. Seine in Lomnitz entstandene Novelle “El Greco malt den Großinquisitor” wurde zur subtilen Auseinandersetzung mit der eigenen Zeitgeschichte.

Trotz der politischen Achse Deutschland-Italien 1938 blieb Stefan Andres, letztlich zur inneren Emigration entschlossen, in Positano. hier ist eine Schaffensphase angesiedelt, mit deren Romanen, Novellen, Erzählungen und Gedichten die fruchtbartse Lebenszeit zu nennen ist.

1941 legte Stefan Andres ein weiteres, zentrales und nicht nur zeitkritisch zu lesendes Werk vor: “Wir sind Utopia”; später entstand eine Dramafassung und mehrfach wurd der Stoff verfilmt. Der Tod der ältesten Tochter 1942 fand die tiefste Auseinandersetzung in lyrischer Form.

Nach der Landung der Alliierten in Italien 1943 hielt sich Stefan Andres im Auftrag der Alliierten als Redner in Deutschland auf. Eine frühe Rückkehr nach Deutschland wurde ihm verwehrt. Stefan Andres konnte erst 1948 zu einer Lesung einreisen und 1949/1950 zog er im Zuge der Repatriierung mit seiner Familie nach Deutschland. In Unkel am Rhein nahm man Wohnung. Kaum zurückgekehrt erhielt er 1949 den Rheinischen Literaturpreis. Beim Zweiten Internationalen Jugendkongress 1948 in München machte er die Bekanntschaft mit seinem späteren Verleger Klaus Piper, in dessen Verlag das Gros seiner Werke erschien. Stefan Andres wurde Mitglied des PEN und der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung. Sein Gesamtwerk wurde im Juli 1952 durch den Literaturpreis von Rheinland-Pfalz gewürdigt, im Juli 1954 empfing er den Großen Kunstpreis Nordrhein-Westfalens. Auch die Italienische Republik, die ihn beheimate hatte, ehrte Stefan Andres 1957 mit der Verleihung ihres Komturkreuzes. Die Bundesrepublik schloss sich im Januar 1958 mit der Verleihung des Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik an, nachdem Stefan Andres 1957 den Dramatikerpreis der Stadt Oldenburg entgegen nehmen konnte.

Im Protest gegen das “Schmutz- und Schundgesetz” und gegen die atomare Aufrüstung der Bundeswehr engagierte sich Stefan Andres in besonderem Maße politisch. Kompromisslos war sein Eintreten für die Verständigung zwischen Ost und West. Seine Hoffnung richtete sich auf eine deutsche Wiedervereinigung. In Düsseldorf erlebte sein Werk “Gottes Utopia” – das beste seiner Dramen – unter Gustav Gründgens Regie im September 1950 die Uraufführung: eine Vielzahl an Aufführungen folgten. Das Werk wurde 1953 in Berlin mit der Jochen-Klepper-Medaille ausgezeichnet. Die Aufführung seines Dramas “Sperrzonen” 1958, eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Shoah, hingegen rief einen Skandal hervor. Im Herbst des Jahrs 1961 machte Stefan Andres seinen Entschluss zur Rückkehr nach Italien wahr. Diese Rückkehr drückte auch eine gewisse Enttäuschung über die deutschen Verhältnisse aus. sie entsprachen nicht  seiner Vorstellung eines erneuerten Deutschlands.

Während des Zweiten Vatikanums wurde Stefan Andres römisches Haus zum Treffpunkt literarischer und theologischer Persönlichkeiten. Sein literarisches Schaffen wurde stiller, aber nun stärker von philosophischen Themen bestimmt. die letzte große Reise führte ihn 1968 nach Asien und in den Orient. Aus einem leichten operativen Eingriff wurde eine Komplikation, an der Stefan Andres verstarb.

Stefan Andres vertritt in seinen Werken eine Form christlichen Existentialismus, in der er sich mit der Lebensgestaltung des Menschen zwischen Freiheit und Schuld auseinandersetzt. Seine Werke zeigen eine Entwicklung, in der er sich zunehmend Stoffen antiker und mythologischer Herkunft widmet, um mittels ihnen die zeitübergreifenden Themen des Menschen literarisch darzustellen. Dabei ist sein Werk nie zeitvergessen, sondern vermittelte kritische Zeitgenossenschaft. Stefan Andres Christlichkeit in der Suche nach Gott und Wahrheit ist geprägt von einer humanistischen, zuletzt neuplatonisch geformten und undogmatischen Auslegung des Glaubens.

Christoph Schmitt