Als am 7. Mai 1945 in Reims und tags darauf in Berlin-Karlshorst die Kapitulation der deutschen Wehrmacht unterzeichnet wurde, konnte das Moselland schon auf ein längeres Ruhen der unmittelbaren Kampfhandlungen zurückblicken. Zuvor war über lange Zeit die Front eher ein Schreckgespenst der Ferne gewesen. Doch die letzten Monate vor Kriegsende überschatteten auch die Menschen im Tal der Mosel und auf den Anhöhen mit Angst und Schrecken. Aufgrund der Aufzeichnungen von Pfr. Wolff, der seit 1941 in Trittenheim weilte, lässt sich schlaglichtartig an jene letzten Tage des Zweiten Weltkrieges erinnern. Ein Rückblick in heutiger Zeit darf nicht ohne das Bewusstsein geschehen, dass mehr als ein halbes Jahrhundert das westliche Mitteleuropa im Frieden lebt und trotz aller Herausforderungen an einem vereinten Europa arbeiten kann. Und es ist ein Frieden, den man nicht als Schicksal, sondern als Ergebnis stetigen Einsatzes erkennen muss. Die Wurzeln dieses Friedens sind jeder Generation ein Mahnung, sich mit vollem Einsatz um Ausgleich der Interessen, Gerechtigkeit und recht verstandene Toleranz zu bemühen.

Aggressivität prägte die 1933 an die Macht gelangte Nazi‑Diktatur von Anbeginn an. Zunächst richtete sie sich gegen politisch Andersdenkende im Reich und gegen Deutsche jüdischer Konfession. Mehr und mehr schreckten die über demokratische Wege an die Regierung gelangten totalitären Machthaber auch nicht mehr davor zurück, diese über die Grenzen hinaus zu tragen (Annexion der Tschechei). Mit dem 1. Sept. 1939 eskalierte die Provokation zum zweiten, weltumspannenden Krieg, dessen Folgen bei genauerer Betrachtung der Welt umstände noch heute nicht bewältigt sind. Anfangs schien dem Aggressor kein Einhalt geboten werden zu können. Erst Anfang 1943 wurde mit dem Zusammenbruch der militärischen Stellungen in der sowjetischen Stadt Stalingrad die Wende zum Ende des Kriegs deutlich markiert. Doch vor dem totalen Ende sollte der totale Krieg noch weit mehr Opfer bringen als bis dahin schon zu beklagen waren.

An der Mosel war der Krieg mittelbar zu verspüren: Frauen mussten die Arbeit ihrer rekrutierten Männer übernehmen, teils unterstützt durch Kriegsgefangene aus unterschiedlichen besetzten Ländern. Die Schule war konsequent nationalsozialistisch ideologisiert worden und so wurde auch die Schule und mit ihr die Schülerinnen und Schüler Teil einer Unterstützung, wenn sie Sammlungen organisierte. Schüler sammelten z. B. Tee, Ähren, Bucheckern, sie pflegten das 'Gelannen' bei der Weinernte (die Nachernte hängen gebliebener Früchte) und die Jugnd wurde zur Bekämpfung der Kartoffelkäferplage eingesetzt. Manche Schüler mussten wegen fehlender Arbeitskräfte in ihrem landwirtschaftlichen Betrieb ohnehin häufig zuhause bleiben, um drängende Aufgaben auf den Feldern und in den Weinbergen zu erledigen. Seit August 1944 war die Schule schließlich gänzlich geschlossen und diente fortan nur noch als Notkrankenhaus.

Außer durch Einquartierungen waren die Auswirkungen des Krieges auch an den Folgen einer restriktiven Kriegsplanwirtschaft zu spüren, die sich durch Mangel an Wirtschaftsgütern des Alltags und deren Rationierung auszeichnete. Schmerzhaft wurden die Folgen des Krieges jedes Mal dann erfahren, wenn die Nachricht vom Tode eines meist jüngeren Menschen an der Front eintraf. Jeder einzelne hinterließ eine Lücke in seiner Familie, in seinem Freundeskreis und in der Dorfgemeinschaft. Andere konnten zwar mit dem Leben davon kommen, kehrten oft aber erst viele Jahre später aus einem Kriegsgefangenenlager zurück.

Durch die erfolgreiche Invasion alliierter Truppen in der Normandie (Juni 1944) war es nur eine Frage der Zeit, wann die kriegerischen Auseinandersetzungen bis zur mittleren Mosel herankommen sollten. Die Luft-Bombardements der Mosel setzten erst im letzten Quartal des Jahres 1944 massiv ein. Sie sollten den Nachschub der Wehrmacht unterbinden und den Vormarsch der Alliierten unterstützen. Bahnanlagen, Züge, verkehrswichtige Straßen und Brücken, wie sie vieler Orts zu finden waren, wurden das Ziel. Erstaunlich war, dass bei allen Bombardierungen der Trittenheimer Brücke diese unversehrt blieb.

Getroffen wurden hingegen zivile Objekte wie etwa am 25. Oktober ein Haus nahe der Brücke, dessen Bewohner glücklicherweise ohne größere Schäden überlebten. Am 15. Dezember erlitt das Brückenviertel neben verschiedenen Sachschäden Fensterbrüche und Risse in den Mauern, die gleichsam ein Menetekel dieser Tage waren. Außerdem fiel die Stromversorgung für einige Tage aus. Ein weitaus schwererer Angriff mit Bordwaffen auf die Moselbahn, die erst am 10. März 1945 ihren Betrieb endgültig einstellte, führte zu einer Zahl von Toten im Zug und auf der Straße nach Neumagen.

Im Zusammenhang mit der Weihnachtsbombardierung Triers 1944 traf es schließlich auch die Mittelmoselstraße am frühen Nachmittag des 26. Dezember. Von einer größeren Anzahl von Kindern, die sich auf dem zugefrorenen Werth befanden, trugen nur drei Verletzungen davon. Größere Schäden entstanden an der Straße selbst, im gegenüber liegenden Ort Leiwen und in der Laurentiuskapelle. Ein Luft-Bombardement Mitte Januar 1945 forderte im Ort Todesopfer und zwang an die fünfzig Familien, in anderen Ortsteilen eine sicherere Unterkunft zu suchen. Die amerikanischen Bodentruppen waren zwischenzeitlich schon weit in die Eifel vorgedrungen, als am 22. Februar 1945 ein Fliegerangriff mit glimpflichen Sachschäden überstanden wurde.

Bis zum 9. März 1945, einem Freitag, war die Front schließlich soweit an die Mosel herangerückt, dass die Moselorte zwischen die gegnerischen Artilleriestellungen gerieten. Nach den Luftangriffen begannen nun die letzten und bangsten Kriegstage: dabei wurden durch Granatsplitter tödlich verletzt ein Kleinkind und weitere Erwachsene zählten zu den Schwerverletzten. Das Gros der deutschen Soldaten zog sich bis zum 13.3. auf das rechte Moselufer zurück. Frühmorgens gegen 6 Uhr sprengten sie bei ihrem Rückzug im Sinne der Ideologie der verbrannten Erde die 1909 fertiggestellte Trittenheimer Brücke. Sie war die letzte intakte Moselbrücke außer der geretteten Trierer Römerbrücke gewesen. Am darauf folgenden Freitag räumte die letzte deutsche Stellung den Laurentiusberg und floh unter heftigem Artilleriebeschuß mit dem Rest der Wehrmacht in den Hunsrück. In der Nacht zum Samstag wurde noch die Eisenbahnbrücke mit erheblichen Nebenschäden gesprengt. Dann entfernte sich die Gefechtslinie - die Moselfront war aufgelöst.

Am späten Samstagmittag rückte eine amerikanische Patrouille in Trittenheim ein, nahm eine Reihe zurückgelassener Wehrmachtsangehöriger gefangen. Für Trittenheim begann nun langsam das Ende eines Krieges, dessen Grausamkeiten sich für die Menschen als unermeßlich zeigen sollten.

Mit dem Josephstag (19.3) des Jahres 1945 begann die Zeit der Waffenruhe und des wiederkehrenden Friedens – den nicht mehr alle christlichen und jüdischen Trittenheimer erleben durften.

Trittenheim gehörte zur französischen Besatzungszone. Man begann, unter anfags schwierigen Bedingungen, die materiellen Schäden zu beheben (zerstörte Häuser, die Brücke, Wege usw.). Allerdings ‑ zurückblieben auch unheilbare Wunden: Schaden genommen hatten Humanität und christliche Grundeinstellungen, und dies nicht erst in den Kriegsjahren. Denn im Schatten des Krieges erniedrigte der rassistische Wahn jene sieben jüdischen Trittenheimer aus den Familien Samuel und Koppel ihrer menschlichen Würde, bevor man sie in den Vernichtungslagern des Ostens ihres Lebens beraubte. Andere konnten zwar emigrieren, kehrten aber nicht mehr zurück. Zu den spät zurückgekehrten Heimkehrern aus der Kriegsgefangenschaft zählte auch ein junger Mann aus Trittenheim, der Ende 1949 wieder seinen Heimatort betreten konnte.