Ob sich archaische Erinnerungen an ein altes Höhenheiligtum der vorchristlichen Bevölkerung wiederspiegeln? Vielleicht lebte der Geist dieses heiligen Ortes auch noch nach der Christianisierung weiter - zumindest in der Sage vom Berggeist des Laurentiusberges.

Man erzählt sich, dass in den vergangenen Zeiten Menschen immer wieder eine schreckliche Begegnung machten. Nahmen sie zu bestimmten Zeiten den Weg zur Kapelle hinauf, dass sollten sie das Fürchten lernen. Es soll sich folgendermaßen zugetragen haben:

Hatte jemand den halben Laurentiusberg erstiegen, tauchte aus dem Nichts ein dreibeiniges Unwesen auf. Seine Gestalt ähnelte einem Hammel, aber eben nur mit drei Beinen. Dieses unheimliche Wesen ließ nicht zu, dass ein Mensch seinen Weg unbehindert fortsetzen konnte. Jeder Versuch, ihm auszuweichen scheiterte. Es blieb nur ein Ausweg: man mußte sich dem Willen des Untiers beugen. Das geschah, indem man seine Last schulterte und so den Weg zur Kapelle fortsetzte. Es war kein leichtes, mit dieser Bestie den Weg fortzusetzen. Denn je näher man dem Gotteshaus kam und der Weg flacher zu werden schien, um so schwerer wurde die Bürde.

Oft kam man nur mit dem letzten Atem ans Ziel. Dort aber verschwand der Berggeist so geschwind wie er erschienen war.

Vielleicht würde auch heute noch manchem dieses Schicksal widerfahren. Aber da gab es doch einen Mutigen in vergangener Zeit, der den Berggeist in seine Schranken wies.

Das geschaf auf folgende Weise:

In früherer Zeit führte nicht nur ein Weg vom Dorf Trittenheim zur Kapelle hinauf, ein weiterer Weg führte auch den Laurentiusberg hinab zur Werth. Von dort setzte man mit einem Nachen über die Mosel nach Leiwen über. Solches tat eines Nachmittags ein Trittenheimer Pastor. Sein Nam ist uns nicht mehr überliefert. In Leiwen besuchte er seinen Amtsbruder. Einige Stunden später brach der geistliche Herr von dort auf. Gerade legte sich der Schleier des Abends über den Laurentiusberg. Mit Speis und Trank wohlversorgt setzte der "Här" mit dem Nachen zum Trittenheimer Werth über. Mit geschwinden Füßen erstieg er den Laurentiusberg. An den Mauern der Kapelle angekommen lenkte er geschwind seinen Blick auf die Pieta in der Kapelle und neigte seine Gedanken dem Herrn zu. Dann setzten sich seine Füße geschwind dem Dorf zu.

Da tauchte aus dem nachtseidenen Dunkel eine Gestalt auf: Wild dreinschauend und kampfeslustig stand vor dem Geistlichen das dreibeinige Untier.  Der wußte, das an Flucht nicht zu denken war. Es blieb ihm nur die Hoffnung, glimpflich davon zu kommen. Unversehens saß das Unwesen auf seinem Rücken und ließ sich gegen das Dorf hinab tragen. Nun wäre dies ja schon eine ausreichende Tortur gewesen. Aber der Berggeist begnügte sich bei dem geistlichen Herrn nicht damit, von ihm gegen das Dorf getragen zu werden. Er trieb seinen Schabernack mit ihm und ließ sich immer wieder hinauf- und hinabtragen. Dann führte er den "Här" noch im Kreis herum  und setzte ihm so arg zu, dass der kaum noch seine Bürde zu tragen vermochte. War dies die Rache des Berggeistes an dem Nachfahren eines christlichen Missionars? Zuguterletzt nach unmessbarer Zeit ließ das Wesen von ihm ab. Schweißgebadet und völlig erschöpft kam er am Pfarrhaus an. Seinem Hausgesinde wich er auf die Fragen aus, was ihm widerfahren sei. Er schickte sie einfach allesamt zu Bett. Der Pastor selbst zog sich in seine Studierkammer zurück, verschloß die Tür, stellte einen Tisch in die Mitte des Raumes, nahm eine große Zahl von Wachskerzen, die er auf dem Tisch platzierte und fügte in die Mitte ein Kruzifix. Dann fiel er auf die Knie und begann inständig zu beten und den Geist zu beschwören. Ströme von Schweiß flossen an ihm herab.

Bis gegen Mitternacht wachte er im beharrlichen Gebet in der Studierstube. Kaum war der letzte mitternächtliche Glockenschlag verklungen, als am Hintereingang des Pfarrhofes ein Scharren und Stoßen wie mit Hufen zu vernehmen war. Geschwind stieg der Pfarrer die Stufen herab. Er näherte sich sich der Tür und sah schon, wie sich der inbrünstig beschworene Geist des Laurentiusberges durch das enge Schlüsselloch zu zwängen suchte. Schnell ergriff der Pastor eine dunkle bauchige Flasche und drückte sie gegen das Schlüsselloch. Allerhöchste Zeit war es, denn kaum hatte das Glas das Schloß berührt, da war der Geist hindurchgeschlüpft. Unversehens saß der Berggeist in der Flasche gefangen! Geschwind versah der "Här" mit einem neuen Korken die Flaschenmündung. Zur Sicherheit goß er noch eine Wachsplombe darüber. Doch damit nicht genug. Um ganz sicher zu gehen, hob er noch in der Nacht im Pfarrgarten ein tiefes Loch aus. Dort hinein versenkte er die Flasche samt Inhalt.

Der Berggeist des Laurentiusberges war nun ein Gartenflaschengeist im Pfarrgarten. Seither war niemand mehr von einem dreibeinigen hammelartigen Geist belästigt worden. Die Angst schwand, den Laurentiusberg zu überqueren. Nur manchmal, so erzählen manch Ältere, wenn das Obst in den Gärten herangereift ist, glauben ungeladene Besucher des Pfarrgartens den Schatten des Berggeistes vernehmen zu können, ganz schemenhaft zwar nur, aber wie hinter einem dunklen Glas.

Nacherzählt von Christoph Schmitt