... die man sich einst beim Spinnen oder beim Weidenmachen erzählte.

Das Ereignis, an das die Erzählung erinnert, geschah zu einer Zeit, als der Trierer Bischof noch das kurfürstliche Szepter über den Moselraum ausstreckte. Wer sich dem Dörfchen Trittenheim näherte, der entdeckte dessen Dächer zwischen zahlreichen Obstbäumen.

In jener Zeit lebte eine in die Jahre gekommene unverheiratete Frau. Im Dorf hatte man für solche Frauen den Begriff Juffer. Magdalena war sie getauft worden, aber im Dorf kannte man sie nur als "dat Moadelenchen". Ein kleines Eckhaus an einer der wenigen Dorfstraßen gehörte ihr. Das Haus drängte sich an die alte Kreuzgasse, doch wer es heute suchen will, findet es nicht mehr. Denn längst liegt kein Stein mehr auf dem anderen.

Seit ihrer Geburt hatte sie dort gelebt. Lange Zeit lebte sie mit ihren Eltern unter dem schief gewordenen Dach. Doch als diese ihre Augen endgültig schlossen, blieb sie für sich allein. Das Leben schenkte ihr nichts. Vielmehr zehrte das Leben noch an dem wenigen, was sie besaß. Sie ertrug es mit einer Geduld, die im ganzen Dorf bewundert wurde. Fragte jemand "dat Moadelenchen" um Hilfe, dann war sie immer bereit, Hilfe zu leisten. Vielleicht tat sie das alles und ertrug ihr Schicksal, weil sie täglich an den Leidensbildern der Pestkreuze vorbeikam.

Als sie noch jung war, da war sie ein lebensfrohes Mädchen. Und sie war schön und attraktive. Manch junger Bursche aus dem Dorf selbst oder aus den umliegenden Dörfern hatten um sie geworben. Einem unter den Dorfburschen war sie dann so zugetan gewesen, dass ihr größter Wunsch war, ihn zu heiraten. Nur noch kurze Zeit trennte die beiden vom gemeinsamen Leben. Doch das Schicksal traf sie unbarmherzig. Beim Holzmachen im Trittenheimer Wald stürzte der Bräutigam so unglücklich, dass der von ihm gefällte Baum ihn zu Tode brachte.

Lange trauerte Magdalena um ihren Liebsten. Doch ihre Lebensfreude kam nicht wieder, dafür wuchs aus der Trauer um den Verlorenen tiefe Verbitterung. So schwur das junge Moadelenchen, nie wieder einem anderen ihr ewiges Jawort geben zu wollen. Sie blieb allein. Sie versorgte mit den Eltern Haus, Hof, die wenigen Felder und Weinberge. Schließlich sorgte sie sich um die gebrechlich gewordenen Eltern. Als die auf dem Friedhof ihre letzte Ruhe gefunden hatten, blieb Moadelenchen allein zurück. Nur das kleine Häuschen, ein Hausgarten und ein wenig Kleinvieh blieben ihr. 

Sie war ja kein Einzelkind gewesen, sondern hatte zwei ältere Brüder, den Hannes und den Niklas. Die waren längst verheiratet gewesen. Und diese hatten es verstanden, sämtliche Felder, Äcker und Weinberge sich als Erbteil unter den Nagel zu reißen. Mem Moadelenchen blieb nichts als ihr altes Häuschen. Und damit sie überhaupt leben konnte, verdingte sie sich im Dorf bei den Bauern und Winzern. Sie arbeitete mit in den Weinbergen, half bei den Feldarbeiten, in den Häusern bei der Schlachtung. Entlohnt wurde das Moadelenchen meist mit dem, was die Natur hervorbrachte. Mit dem, was die Ziege, Hühner und die Früchte ihres Gärtchens hervorbrachten, konnte sie so leidlich ihr Leben bestreiten.

Öfters konnte sie sich aber auch bei den Wirtschaftshöfen der auswärtigen Grundherrschaften verdingen. In den Weinbergen des Novitiatshofes der Trierer Jesuiten war sie ebenso zu finden wie im Mattheiser Hof. Die auswärtigen Gutsherren zahlten ihre Arbeit nicht nur mit Naturalien, sondern entlohnten auch mit dem einen oder anderen Albus. Da Moadelenchen äußerst sparsam, ja gegenüber sich selbst fast geizig lebte, sammelten sich die Albus zu manchem Gulden. Sie dachte dabei an ihr Altwerden und daran, dass sie nicht von ihren Brüdern abhängig sein wollte. Zu tief saß die Verbitterung, dass Hannes und Niklas sie beim Erbe betrogen hatten. Ihren Altersschatz bewahrte sie in einer hölzernen Schatulle auf, die ihr die Mutter vor langer Zeit anvertraut hatte. Kleinere Beträge verlieh sie an Leute aus dem Dorf, die knapp bei Kasse waren. Das übrigen versteckte sie aus Angst, in den unsicheren Zeiten durch Diebstahl um ihr weniges Hab und Gut gebracht zu werden, mit der Schatulle in einem ausgehöhlten Balken des Daches. 

Die beiden Brüder führten mit den ererbten und unrechtmäßig erworbenen Feldern, Wiesen und Weinbergen über Jahre ein gutes Leben. Sie hatten hatten auch keine schlechte Partie beim Heiraten gemacht.  Dennoch zerrann im Laufe der schlechten Jahre auch ihr Besitz wie Sand zwischen Händen. Fremde Heere kamen und gingen und manch ein Dörfler geriet in Not und lebte in ärmlichsten Verhältnissen. Die Nachricht, man könne weit im Osten, bei den Ungarn ein besseres Leben beginnen, fiel in offene Ohren. Angesichts der Not fiel der Entschluss recht schnell. Auch wenn man sich nicht viel vorstellen konnten, wohin es ging, die Hoffnung auf ein besseres Leben war stark genug, alles zu verlassen. Was an Besitz noch da war und nicht mit genommen werden konnte, das wurde nach der Ernte verkauft. Auch Hannes und Niklas taten diesen Schritt. Doch der Verkauf brachte nicht den erhofften Erlös. Da fehlt noch manch ein Gulden, um sich nach dem Winter mit dem Nötigsten auf den weiten Weg nach Ungarn zu. machen.

Auch in der Vergangenheit hatten sie von ihrer Schwester kleinere Summen leihen können. Nun glaubten sie, Moadelenchen werde sie nicht im Stich lassen. Sie würden aber um eine größere Summe bitten müssen und wollten der Schwester versprechen, es ihr aus Ungarn über einen Boten zu erstatten. Das Moadelenchen wollte nichts leihen. Zu groß war die Angst, keinen Heller mehr zu sehen. Schon in der Vergangenheit hatte sie manchmal alles zurück erhalten. Jetzt wollte sie aber kein Risiko mehr eingehen. Da war doch alles verkauft, was die Brüder besessen hatten. Was könnte noch als Pfand dienen? 

Moadelenchen half eigentlich allen Notleidenden, jetzt blieb sie bei ihren Brüdern aber hart. Ja, sie warf ihnen vor, sie hätten doch schon alles von den Eltern an sich gerissen und sie mit kaum etwas zum leben stehen lassen. Nein, solange sie lebe, habe sie ihren Brüdern nichts mehr zu verschenken. Sie sollten sich um sich selbst kümmern und bräuchten sich nicht weiter zu bemühen.

Wütend und fluchend kehrten Hannes und Niklas unverrichteter Dinge zu ihren Häusern in die Nardengasse zurück. Bis sie gleich nach dem Winter abreisen konnten, hatten sie mit dem neuen Besitzer ausgehandelt, noch im verkauften Haus bleiben zu können. Und jetzt? Was sollten sie zu tun? Alles war verkauft, der Wegzug war nicht mehr rückgängig zu machen. Gab es einen anderen Ausweg, an das Geld der Schwester zu kommen?  Je länger sie sich ratlos bleibend ihre Gedanken hin und her schickten, um so mehr entbrannte ihnen die Gier nach den Gulden der Schwester. Und dann war der Winter mit Frost und Schnee da. Der Aufbruch rückte näher und näher. Hannes und Niklas saßen, wie so oft, am Feuer des offenen Herdes in der Stube. Je ergebnisloser ihr Beratschlagen blieb, um so mehr füllte der Branntweingeist die Köpfe. Hannes begann immer wieder zu schimpfen, "dat Moadelenchen as een ganz geizig Luder" und Niklas stimmte ihm mit bei und schrie, "un wenn et ues net freiwellich helft, dann mejssen mir ues selwer helfen".

Wie sollte diese Selbsthilfe aussehen? Vom Geld des Moadelenchen wusste man. Nur wo sie es versteckt hatte, davon hatten beide keine Ahnung. Man müsste wohl das ganze Haus vom Keller bis zum Dach durchsuchen. Das wäre nicht so einfach zu machen, wenn die Schwester im Haus sei. Zu befürchten war auch, ihre Schwester würden sie dabei überraschen und sie vor das Schöffengericht zerren. Mit den sieben Schöffen der Matheiser, den sieben Bischöflichen und den vierzehn Manderscheider Schöffen wollte man aber nichts zutun haben, Denn die Meinung über das Moadelenchen war im  Dorf zu gut, besser als ihr eigener Ruf. Böser Rat war hier teuer. Notgedrungen warteten beide auf eine Gelegenheit, um unbemerkt ins Haus zu schleichen. Am besten wäre es, wenn die Schwester irgendwo im Dorf half. Wenn sie später bemerken sollte, dass das Geld weg war, könnte man noch immer den Verdacht auf umher ziehende Söldner lenken, die ja für ihr Motto, der Krieg nährt den Krieg, bekannt waren.

Nun sollte es aber doch nicht so schnell gehen, wie Hannes und Niklas glaubten. Und mit dem Christtag rückte auch das Jahresende näher. Es war Heilig Abend geworden. Der Frost schlug über Tage das Land in seinen Bann. Die Wolken ließen Unmengen aus ihren Schneescheunen fallen. Moadelenchen hatte sich bei aller Bescheidenheit doch auf die Feiertage vorbereitet. Sauber hatte sie alles gemacht und für die Festtage das Essen soweit hergerichtet, dass sie an allen Gottesdiensten teilnehmen konnte. Wenn sie nach der Christmette nachts nachhause käme, brauchte sie sich nur mit wenig Aufwand an den Tisch zu setzen. Weihnachten war für sie ein wichtiges Fest. Dafür hatte sie sogar auf einen Braten hin gespart. Dazu gab es Wintergemüse und selbst gemachte Nudeln.

An diesem Weihnachtsfest waren es fast zwei Jahrzehnte her, dass die Eltern das Zeitliche gesegnet hatten. Dem Pfarrer hatte das Moadelenchen daher versprochen, sie wolle für die Messen nach Weihnachten eine besondere Messe für die Eltern stiften. Das Geld wollte von den noch ausstehenden Rückzahlungen ihrer Brüder nehmen. Am frühen Nachmittag des Heiligen Abends machte sie sich auf den Weg in die Nardengasse zu Hannes und Niklas. Zum wiederholten Male wollte sie das Geliehene zurück fordern, dieses Mal ganz nachdrücklich, weil sie ja wusste, ihre Brüder würden bald wegziehen. Sie wollte ihnen auch ein schlechtes Gewissen machen, denn das Geld sa ja für eine Messe für die Eltern. Zuerst glaubten die Brüder, die Schwester wolle ihnen das erbetene Geld doch noch bringen. Als sie aber erfuhren, dass die Schwester noch nicht wieder zurück bezahltes einforderte, da trieb es ihnen den Zorn in Mund und Hände. Lautstark erklärten sie dem Moadelenchen, was ihr einfalle, sie am Heiligabend zu belästigen. Außerdem  hätten das Geld nicht im Haus und könnten es ihr nicht geben. Das Moadelenchen aber gab nicht nach und drohte schließlich, das dörfliche Gericht anzurufen Weil Hannes und Niklas sie aber loswerden wollten, versprachen sie ihr, sie wollten ihr, der geldgierigen Schwester, vor der Christmette alles vorbeibringen, damit sie endlich ihre Ruhe hätten. 

Als Moadelenchen nach Hause kam, bereitete sie alles für den Besuch der Christmette vor. Dann setzte sie sich an den Herd in ihrer Stube und wartete. Sie glaubte nicht recht, dass die Brüder kommen würden. Die Dunkelheit hatte sich schon über das Dorf gelegt. Schicht um Schicht wurde das Land mit einem glänzenden Weiß überzogen. Gerade begannen die Glocken zum ersten Mal zur Christmette in der alten Clemenskirche zu rufen. Jung und Alt machten sich auf den Weg zur Feier der Christnacht. Auch Moadelenchen zog sich gerade an, um nicht zu spät zu kommen. Da klopfte es an die Tür des kleinen Hauses an der Kreuzgasse. Nach dem Öffnen der Tür traten zwei schneebedeckte Männer aus dem Dunkel in die schwach erleuchtete niedrige Stube. Es gab laute Worte und ... was dann geschah, könnten nur die Steine des Hauses erzählen, ruhten sie noch Stein auf Stein.

In der Jungfrauen-Bank der Clemenskirche blieb in dieser Christnacht ein Platz frei. Und jeder wußte wer fehlte: dat Moadelenchen. War sie vielleicht krank geworden? Auch bei der Frühmesse und im Hochamt vermisste man auf der Frauenseite des Moadelenchens Stimme beim Gebet und Gesang. Einige besorgte Frauen aus Nachbarschaft ging gleich nach dem Hochamt zu Moadelenchens Haus. Die Haustür war nicht abgeschlossen. In der Stube lag kalter Rauch über dem wenigen Mobiliar. Man rief nach dem Moadelenchen, ging in alle Zimmer, suchte vom Keller bis zum Dach. Niemand antwortete. Im Ofen fand man den abgekühlten, unberührten Braten. Das Gemüse und die Nudeln standen in ihren Töpfen. Niemand war da. Das schneebedeckte Gärtchen zeigte keine Spuren. Und weil es soviel geschneit hatte, waren auch sonst keine Spuren von Moadelenchen zu finden. Wohin sollte das Moadelenchen gegangen sein? Und das bei dem rauen Wetter?

Die Nachbarinnen eilten zu den Brüdern des Moadelenchen, unterwegs den ihnen begegnenden von ihrer Suche erzählend. Ihre Frage nach dem Verbleib der Schwester blieb von den Brüdern unbeantwortet. Sie könnten keine Auskunft geben, versprachen aber, mit den Leuten im Dorf nach dem Moadelenchen zu suchen. Mehrere Tage lang wurde Moadelenschen gesucht. Die Frauen suchten im Dorf, die Männer schauten entlang der Mosel nach dem Verbleib und auf der Gemarkung. Alles Suchen blieb ohne Erfolg. Bald hieß es, "nejst bleiwt am Schnie verborjen als dat Moadelenchen".

Tage und Wochen gingen ins Land. Da grüßten die ersten Boten des Frühjahrs und Hannes und Niklas traten mit ihren Familien die große Reise ins Land der Ungarn an. Dort wollten sie ihr Glück suchen. Als ihr Gespann über den Hinkelweg im Horizont den Augen entschwand, da waren die letzten ihres Namens aus dem Dorf gegangen. Das Häuschen an der Kreuzgasse blieb verwaist. Anfangs hoffte man still, das Moadelenchen komme vielleicht noch zurück. Nach und nach verfiel das Häuschen und damit auch die Hoffnung, über Moadelenchens Verbleib etwas zu erfahren. Dann kam der Tag, als sich die Schöffen entschlossen, das Haus und den Grund einer aus der Fremde zugewanderten Familie zu überlassen. Voll Freude begannen diese, Haus und Garten herzurichten. Beim Vertiefen des Kellers aber stieß man unter einem Weinfass nur wenige Ellen tief auf ein Skelett. Den älteren Trittenheimern dämmerte es nun, was wohl an jener Weihnacht vor vielen Jahren geschehen war.

Von den Brüdern Hannes und Niklas verlor sich jegliche Spur. Jahre später, als zufällig ein Kolonist aus Ungarn auf dem Weg in die alte Heimat Trittenheim streifte, da erfuhr das Dorf, dass weder Hannes noch Niklas am erhofften Ziel das Glück gefunden hätten. Dem einen habe samt Familie eine Seuche das Leben genommen. Der andere habe seine Familie verlassen und sei irgendwann als Straßenräuber elend zugrunde gegangen. Nur die Erinnerung an das Moadelenchen blieb.

 

Nach einer mündlichen Tradition erzählt von Christoph Schmitt