Eine Hymne an die Heimat

Nach dem Krieg der Jahre 1914-1918 war in Deutschland eine große Welle an Neugründungen von Männergesangvereinen aufgekommen. Bis dahin gab es in Trittenheim den im 19. Jahrhundert gegründeten Kirchenchor, der eine männliche wie eine weibliche Chorabteilung kannte und durch den örtlichen Pfarrer, Johann Linden, dirigiert wurde. Seit 1909 wirkte der aus Perl gebürtige Theodor Hermann als Volksschullehrer in Trittenheim. Mit ihm bot sie Gelegenheit, unter seiner Leitung Männern einen Ort zu geben, die Freude an der Musik zu leben. Damit konnten sie nach dem verlorenen Krieg anders mit den Unsicherheiten leben. Das Bedürfnis nach Geselligkeit fand eine Form und natürlich bot es auch beruflich nützliche Kontakten.

Den Anlass für die Trittenheimer Heimathymne bot ein Gesangswettstreit. Die Nachbargemeine Neumagen hatte eine römische Vergangenheit und findet sich in der Mosella des römischen Dichter Decimus Magnus Ausonius  (310-393) wieder. Der Neumagener MGV Liederkranz (1912 gegründet) fasste 1928 den Entschluss, dem Dichter ein Denkmal zu setzen. Eingebettet wurde die Einweihung des Denkmals am ersten Augustwochenende 1929 mit einer Einladung zu einem „Gesangwettstreit“, der 32 Männerchöre folgten (neben Chören aus der Region auch solche aus Köln, Duisburg-Wanheim und Remscheid). Nach Stadt- und Landklassen aufgeteilt absolviert die Chöre je drei Gesangsbeiträge. Auch der Trittenheimer Männergesangverein nahm mit 23 Sängern am Wettstreit teil:

Im Programmheft werden genannt
1. Tenor: Joseph Blasius, Jakob Kirsten, Peter Kirsten, Hans Kort, Lorenz Johann, Peter Steffen;
2. Tenor: Franz Bollig, Johann Hermes, Heinrich Wickel, Willibald Eifel, Nikolaus Nummer;
1. Bass: Baptist Kirsten I, Baptist Kirsten II, Franz Lehnert, Nikolaus Manderscheid, Johann Schmitt, Nikolaus Schmitt;
2. Bass: Heinrich Basten, Andreas Fritsch, August Clüsserath, Klaus Hermann, Peter Josef Hermes, Matthias Wagner.

Der Chor gehörte in die 3. Landklasse. Sein Pflichtprogramm bestand aus dem „Jägerlied“ (komponiert von August Deyss (opus 95; geb. 1890) mit einem Text von Karl Pusch).  Zwei Lieder konnte der Chor selbst auswählen und so trug der Chor Adolf Prümers (1846-1933) Komposition „Sturmes Weckruf“ (Text von Anna Ritter, 1865-1921) und das Volkslied „Tanzliedchen“ von Theo Kurscheid (1882-1954) vor. Die Jury war vom Vortrag so überzeugt, dass sie beim Wettstreit 83 ½ Punkte vergab und der MGV Trithemius den ersten Preis des Klassensingens davontrug – so berichtete die Trierische Landeszeitung unter dem Titel „Sängerfest in Neumagen“ (55. Jahrgang 1929, Nr. 181 vom 7.8.1929; Beilage). Beim Höchsten Ehrensingen der 3. Landklasse erlangten sie den zweiten Platz und beim Ehrensingen kamen sie auf Platz fünf.

Aus den privaten Aufzeichnungen des Dirigenten Theodor Hermanns geht hervor, dass beim Sängerwettstreit der Rheydter Komponist Emil Kraemer anwesend war. Seine Komposition „O Moselland, mein Moselland“ (Komposition auf einen Text Erich Langers, 1882-1932) war 1928 als Opus 214 bei Kessler in Trier verlegt worden. Diese Komposition gehörte zum Pflichtprogramm der Zweiten Landklasse. Kraemer war von Geburt mit dem Moselland verbunden. Theodor Hermann teilt in seinen Aufzeichnungen unter dem Datum des 14. August 1929 mit, dass „der Gesangverein mit dem aufgegebenen Lied [Jägerlied] auf dem Wettstreit in Neumagen den ersten Preis erstritt“, was in Trittenheim für Aufsehen und Freude sorgte. Am Bahnhaltepunkt wurde der erfolgreiche Chor von einer jubelnden Menge empfangen, die singend mit den Sängern ins Vereinslokal zogen. In den Zug der Feiernden hatte sich auch Emil Kraemer eingereiht. Offensichtlich hatte es ihm die Leistung des Chores angetan, so berichtet es Hermann. Während der folgenden Tage habe Kraemer beim Spaziergang über die Zummethöhe, so Hermann, die Melodie der Heimathymne „Sang an Trittenheim“ komponiert. Den dazugehörigen Text hatte Theodor Hermann gedichtet und ist von ihm mit dem 10. Mai 1929 versehen:

(1) Allwo in weiter Runde man schätzet guten Wein, und Frohsinn hebt die Stunde, rühmt man mein Trittenheim.

(2) Hier rings auf lichten Höhen die edlen Reben blüh‘n, für deren Wohlergehen die Herzen aller glüh‘n.

(3) Gott Vater spende Segen, das Glück, es kehre ein, bei Menschen, Haus und Reben! Glück auf, mein Trittenheim!

(4) O Trittenheim, mein Heimatort, ich grüße dich allzeit als meines Lebens Kleinod, als meine Seligkeit.

In der mit Kraemers Melodie versehenen Letztfassung wurde die vierte Strophe zum Refrain und eine neue vierte Strophe hinzugedichtet, die etwas ungeschickt Gedanken der ersten und die dritten Strophe mit anderen Worten wiederholt: „Wo in weiter, weiter Runde, man trinket guten, guten Wein, Rings um auf den lichten Höhn, Vater spende Segen du“. Die Urschrift datiert vom 10. Mai 1929 und wurde von Hermann später an einigen Stellen variiert: in der Erstfassung liest man noch „Dort, wo in weiter Runde man trinket guten Wein, und Frohsinn hebt die Stunde schätzt man mein Trittenheim“ (1. Strophe) und „Hier rings auf sonn'gen Höhen, die edlen Reben blüh'n, für deren gut's Ergehen die Herzen aller glüh'n.“ (2. Strophe).

Den Charakter als Heimathymne hat diese Dichtung, da sie aus vier in einem fließenden Rhythmus verfassten Strophen besteht; in der Liedfassung fließen sie jeweils in einen Kehrvers ein. Als Reimschema greift Hermann auf den Kreuzreim zurück, der für die Volkslieddichtung typisch ist. Der Text erfüllt die Kriterien einer Heimathymne: der Gruß an die geliebte Gegend, der besonders im Kehrvers immer wiederkehrt, der Segenswunsch und die Sehnsucht nach der Gegend, die die besungene Gegend zu verherrlichen sucht und die besungene Gegend unterscheidbar macht. Beim Vergleich mit dem Reck‘schen Mosellied oder der Mosel-Dichtung von Emmy Rüden von Spillner entdeckt man, dass Hermann von solchen Dichtungen inspiriert wurde. Kraemers Komposition ist im 6/8-Takt gesetzt; das kennt man etwa im Reitermarsch, beim Menuett oder in älteren Walzern. Die Melodie gewinnt so eine gewisse Beschwingtheit mit der Betonung auf der ersten und vierten Achtelnote und ist doch im Rhythmus nicht leichtfüßig, sondern entspricht einer gewissen Ernsthaftigkeit, die ein Hymnus in sich trägt. Der Satz wurde auf den Trittenheimer Chor mit seinen Tenor- und Bassstimmen zugeschnitten. Folgt man dem Typoskript Hermanns, dann sollte sein Text ursprünglich auf die im 6/8-Takt komponierte Melodie des Liedes „Dort unten in der Mühle“ (dessen Textgrundlage ist das 1830 von Justinus Kerner (1786-1862) geschaffene Gedicht) von Friedrich Glück (1793-1840) gesungen werden. Nicht bekannt ist, ob diese Fassung jemals so vorgetragen wurde. Hermanns Wahl wurde aber obsolet, als er Kraemers Fassung für die Trittenheimer Heimathymne in Händen hielt.

Erste Proben gab es wohl mit Emil Kraemer selbst. Die Uraufführung fand im Vereinslokal am 20. November 1929 vor einem großen dörflichen Publikum statt. Eingebettet war Aufführung in Schubertgesänge und das Singspiel „Die schöne Müllerin“. In den folgenden Jahrzehnten wurde der Hermann‘sche „Sang an Trittenheim“ bei Festlichkeiten wie etwa den Weinfesten immer wieder gesungen. Er war nicht nur ein Stück für den Chor, sondern auch in der Bevölkerung bekannt. Dazu beigetragen hat vielleicht auch die Verbreitung des Liedes durch eine eigens aufgelegte Ansichtskarte (hier noch eine jüngere Ansichtskarte, Provenienz Anderle) mit dem Text, die der Trittenheimer Drogerie- und Kolonialwarenhändler Josef Roller 1929 herausgab.

Eines soll mit Blick auf diese bekannte Trittenheimer Hymne nicht unerwähnt bleiben: Trittenheim besitzt eigentlich zwei Heimathymnen, deren ältere aber unbekannt blieb. Ihr Text und ihre Melodie sind weniger geschmeidig. Ihr Textdichter und Komponist war der Trittenheim Pfarrer Johann Linden. Linden war musisch vielfältig begabt und schrieb an gesichts der wenig goldenen „Goldenen Zwanziger“ und deren Folgen für Winzer mit Datum vom 14. August 1926 seine Heimathymne. Auch sie sollte die Bindung der Menschen an ihre Heimat stärken. Eine Aufführung dieser Heimathymne nicht bekannt ist:

„O Trittenheim, mein Heimatland, dir töne nun mein Sang, denn an dem Moselstrand kein Ort von solchem Klang. / Das macht, ich hab es wohl gemerkt, dein Wein, hell und klar, er ist 's, der Herz und Nieren stärkt, wie der von Rhein und Saar. / Will einer froh und fröhlich sein, will lachen herzlich fest, probier er kräftig  diesen Wein, der Kummer ihn bald läßt. / Es schwinden Traurigkeit und Leid, es wird ihm wohlgemut, er läßt den andern ihren Neid, wird allen Menschen gut. / Ach wie ist's möglich darum, daß ich dich lassen kann, hab dich von Herzen lieb, das glaube mir, du hast die Seele mein, so ganz genommen ein, daß ich nichts anders lieb als dich allein. / Schlägt, so Gott es will, einmal mir die Trennungsstunde schwer, bleibe mein Herz  hier im Tal, ich vergeß dich nimmer mehr. / Moselland, dir bleib ich treu, mag kommen, was da will. Ja, ich sag es ohne Scheu, hier ich einmal sterben will. / Wo stolz die Mosel rauscht um die Berge, Rebenduft, hier mein Leib im Grabe ruhe bis Gott mich beruft.“