Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Trittenheim spiegelt sich wider in einerseits in schriftlichen Zeugnissen, aber auch in den Orten des jüdischen Friedhofs und dem Standort der einstigen Synagoge. Die Geschichte einer Synagoge ist mit der Mitte des 19. Jahrhundert verbunden. Der Jüdische Friedhof hat demgegenüber nur eine kurze Geschichte und wurde zwischen 1896 und 1940 zur Bestattung genutzt. Seine Grabsteine erinnern an Familien, die über mehrere Generationen hier lebten, von denen manche flüchteten, andere aber in der Shoah getötet wurden.
Die Trittenheimer jüdische Gemeinde ist Teil einer im größeren Zusammenhang zu sehenden Geschichte der Juden; daher lohnt sich eine Lektüre der Seite der Alemannia judaica.

Erinnerungen an das eigene Fremde

Annäherungen an die Geschichte des Landjudentums in Trittenheim

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Vorbemerkungen

"Erinnerungen an das eigene Fremde": Der Titel klingt ungewohnt und greift eine gewagte Begrifflichkeit auf.

Erinnerungen: Wenn jemand verspricht, Erinnerungen wiederzugeben, so erwartet man, dass er auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen kann. Erinnerungen beziehen sich auf zurückliegende Ereignisse, doch als Mensch einer späteren Epoche sind solche Erinnerungen Ergebnisse des Recherchierens.

Erinnerungen sind dabei inzwischen vielfach nur noch über vermittelte, mediale Zugänge erreichbar, da das Befragen von Zeitzeugen und gerade auch Begegnung mit jüdischen Mitbürgern, die hier lebten oft nicht mehr möglich ist.

Am Begriff Erinnerung festzuhalten legt sich im Kontext der jüdischen Religion nahe, hat das hebräische zakar in seiner theologischen Einbindung unschätzbare Bedeutung. Erinnerung gewinnt für Israel immer wieder dort einen besonderen Stellenwert, wo es sich seiner Katastrophen gewiss wird. Erinnerung geschieht jedoch niemals um ihrer selbst willen, sondern deshalb, weil sich Gott seines Volkes erinnert. Erinnerung gewinnt nach dem Untergang des zweiten Tempels gleichsam den Stellenwert eines Imperativs, der zurückblickt, damit die Zukunft gelingen kann.

Auch Christen haben im Zentrum ihres Glaubens das Erinnern an Jesus Christus und tun sich doch schwer im Verstehen, wenn es um das "Geheimnis der Erlösung", das da Erinnerung ist, geht.

Erinnerung ist für mich eine doppelte Aufgabe: zu lernen, was Erinnerung existentiell heißt und Erinnerung zu gestalten, dass nicht Mythen gebildet werden, die das Geschehene in eine nebulöse Vergangenheit versinken läßt. Erinnerung heißt für mich auch Aufklärung: sowohl der historischen Fakten als auch eigenen Tradition, in der ich stehe. Es ist eine Verbindung objektivierenden Betrachtens und Aufdeckung der subjektiven Position in diesem Geschehen. Erinnerung an die Geschichte jüdischer Geschichte in Deutschland ist keine nur eine innerjüdische Aufgabe, sondern ein auch schmerzhafter Dialog der Nachlebenden. Sie betrifft alle, ob Angehöriger der Tätergeneration oder Teil der Nachgeborenen.

Einen zweiten kritischen Begriff will ich anführen: das eigene Fremde.

Meine Betrachtung des Judentums ist immer eine solche eines Außenstehenden, für den das Betrachtete anfänglich mit dem Begriff "fremd" charakterisiert werden kann. Ich bin mir bewusst, dass meine, von meiner christlichen Tradition geprägte Sichtweise bei allem Bemühen der Annäherung an das Judentum die Grenze nicht übersteigen kann. Die Erinnerung fordert mich heraus, diese Grenzerfahrung zu machen und ich gewinne dabei mehr an eigener Identität. Ich eigne mir das Fremde an, ohne seine Andersheit zu leugnen, d. h. die Eigenheit des Judentums zu verwischen oder gar zu vereinnahmen. 

Das "eigene Fremde" weist mich über meine persönliche Perspektive auf ein weiteres hin: in der Geschichte des Judentums im Raum von Mosel-Eifel-Hunsrück zeigt sich, dass das Judentum als etwas Fremdes wahrgenommen wurde. In zu seltenen Fällen fand es positives Interesse, in den meisten Fällen wurde es diskriminiert, offen abgelehnt, Menschen jüdischen Glaubens unterdrückt und schließlich auch physisch vernichtet. Erst nach der Shoah, ja manches Jahrzehnt später, gin in der geschichtlichen Erinnerung auf, dass das Judentum in den Orten dieses Lebensraumes ein weitaus integralerer Bestandteil der Ortsgeschichte war als man anzunehmen glaubte. Jüdische Menschen lebten nicht einfach wie ihre christlich geprägte Umwelt und gerade das Landjudentum zeigt, dass es am längsten seine Traditionsverbundenheit aufrecht erhielt und Differenzerfahrung möglich machte.

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Annäherungen

 

Es geht um Annäherungen an die Geschichte des Landjudentums in Trittenheim. Diese Annäherungen sind nicht ohne eigene biographische Konnotationen zu verstehen. Im Moselort selbst aufgewachsen entstand ein erster, noch unbewußter Kontakt mit der Geschichte der jüdischen Menschen zu einer Zeit, als die Flurbereinigung in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts noch nicht all die tiefen Gräben aufgefüllt hatte, die die Landschaft ursprünglich aufwies. Als kleiner Junge war es mir manchmal erlaubt, zur gemeindeeigenen Müllkippe mitzufahren. Sie lag im Distrikt Wäldchen, kaum hundert Meter von ihr entfernt sah ich ein Grundstück, das anders als alle anderen mit einer hohen Hecke umgeben war. Auf ihr wuchsen wie auf vielen umliegenden Flächen Bäume und Gras. Das war zur damaligen Zeit nichts aussergewöhnliches. Erst als die Flurbereinigung die Voraussetzungen für eine umfangreiche Beflanzung mit Weingärten geschaffen hatte, ergab sich plötzlich eine deutlichere Abhebung: Inmitten eines Meeres von Rebstöcken hebt sich seither weithin sichtbar dieses Areal hervor. Damit war ein Interesse geweckt - auch wenn es über viele Jahre keine befriedigenden Antworten erhielt. Es handle sich um einen Friedhof von Leuten, die schon lange nicht mehr da seien, waren die ersten Antworten auf unbeschwertes Fragen. Nach und nach wurden Anekdoten, Begegnungen erzählt. Auch die Reichspogromnacht wurde irgendwann nicht verschwiegen - auch wenn man spürte, dass das offensichtlich nur knapp angerissen werden wollte.

Später erfuhr ich, dass am Standort eines Restaurants früher das jüdische Gotteshaus stand. Nähere Informationen oder etwa eine Abbildung zu beschaffen war aber nicht möglich. Die Synagoge war schon vor 1938 wegen der durch Emigration vor dem NS-Regime stark verkleinerten Gemeinde veräußert.

Mein eigenes Studium führte mich an die Quellen von Juden und Christen heran und ich lernte das Judentum auch in seiner Eigenständigkeit kennen und schätzen. Im Laufe der Jahre gab ich mich nicht mehr zufrieden mit dem,  was man mir erzählen konnte oder wollte. Meine Suche nach Informationen, meine Annäherungen an die Geschichte der Juden Trittenheims sollte beginnen. Erinnerungen zu formulieren an die Geschichte des eigenen Ortes, in dem Menschen als Juden ein irgendwie fremdes Element geblieben waren -  das war und ist ein beständiges Unternehmen.

Anfänge jüdischen Lebens in Trittenheim

 

Der Moselort Trittenheim lag im 19. Jahrhundert an der Grenze des Landkreises und gehörte zum Landkreis Trier-Land, der 1816 gebildet worden war. Auch vor dieser Zeit, während der französischen Regierung und in der frühneuzeitlichen Periode des Kurfürstentums gehörte der Ort zu Verwaltungsbezirken (Kanton Schweich bzw. Amt Pfalzel), für die der Ort immer die Ostgrenze bildete.

Man muss feststellen, dass

- die nachweisbare Lebensgeschichte der in Trittenheim lebenden Juden nicht spektakulär war, sondern den durchschnittlichen Erfahrungen des Lebens jüdischer Menschen in den anderen Orten sehr vergleichbar ist

- die Verwaltungseinteilungen zwar auch hier bestimmte Raumorientierung mit sich brachten, allerdings die verwandtschaftlichen Beziehungen der in Trittenheim lebenden Juden doch auch zeigen, dass weitere Bezüge von großer  Bedeutung waren. Dies wird besonders deutlich an der Bestattung auf den älteren Friedhöfen von Leiwen (Landkreis Trier-Saarburg) und Neumagen (Landkreis Bernkastel-Wittlich).

Leiwen wie Neumagen haben überdies eine längere Geschichte der Koexistenz von Juden und Christen (Leiwen: Ersterwähnung 1592; Neumagen: Ersterwähnung 1474).

Doch zu welchem Zeitpunkt konnte erstmals ein Jude in Trittenheim ansässig werden? Hermann Hesses Gedichtzeile, dass "jedem Anfang ... ein Zauber inne"wohnt gilt auch hier in abgewandelter Weise, weil die Suche nach einem ersten Zeugnis von spannenden Fragen begleitet wird: wann erfolgte die erste Erwähnung und in welchem Kontext ist sie zu verstehen? Was erfahren wir und wieviel ist zu erfahren?

Eine jüngere Studie, die sich der Sozialgeschichte der Juden im Saar-Mosel-Raum um 1800 widmet, läßt aus ihrem Quellenstudium erkennen, daß im Laufe des 18. Jhdts. die Zahl jüdischer Menschen in Trittenheim bis zum Jahr 1787 auf fünf Familien angewachsen war. Diese waren kurtrierische Schutzjuden und dürften insgesamt zwischen zwanzig bis dreißig Personen gewesen sein.  Während der Zugehörigkeit zu Frankreich zählte man im Jahre 1808 46 Personen, darunter 8 erwachsene Männer, wobei z. Zt. nicht gesichert ist, ob schon ein Minjan erreicht wurde [Erhebung über die Zahl der Juden]. Bis zum Ersten Weltkrieg blieb die Zahl jüdischer Mitbürger weitgehend konstant bei rund fünfzig Personen (1843: 52; 1895: 54; 1925/27: 39; 1933: 32 Personen), d.h. der Anteil der Menschen jüdischen Glaubens in Trittenheim betrug durchschnittlich zwischen 3 und 6 Prozent der Gesamtbevölkerung [Jüdische Bevölkerung].

Ein erstes Anzeichen, dass jüdische Personen in Trittenheim leben, findet sich am Ende einer Steuerliste des Amtes Pfalzel für das Jahr 1702. Dort liest man im Anschluss an die Liste der auswärtigen Besitzer lapidar (ohne weitere Zusätze über Besitz und Taxierung): "Es ist auch Ein Judt zu Trittenheim nahmens Hirtz". Der Name Hirtz, z. T. auch mit Hirsch wiedergegeben, findet sich sowohl in Quellen, die sich auf Neumagen oder Leiwen beziehen, abgesehen von Dokumenten, die in Bezug zu anderen Orten im Kurtrierischen stehen. 

Unbekannt ist derzeit, ob Hirtz im Besitze eines Geleitbriefes war, doch seine fragile rechtliche Position wird die von Juden überhaupt entsprechen, die den kurtrierischen Judenordnungen von 1681 [Judenordnung] und 1723 unterworfen waren.

Offen bleibt hier auch, welches Gewerbe Hirtz ausübte und wo er im Ort wohnte. Anzunehmen ist, dass er im Bereich des kurfürstlichen Herrschaftsbereiches  wohnte. Auch die katasteramtlichen Eintragungen des 19. Jahrhunderts lassen für den Ortsteil Trittenheims, der dem Kurfürsten unterstand, eine stärkere Wohnpräsenz nachweisen.

Von zwei jüdischen Bewohnern spricht gut ein Jahrzehnt später das Visitationsprotokoll des Jahres 1715. Dort wird unter Punkt 8 der Vorwurf vermerkt, dass zwei in der Nachbarschaft der Kirche wohnende Juden sich an Sonn- und Feiertagen noch nach dem ersten Glockengeläut vor der Kirche in ungebührlicher Weise aufgehalten haben sollen, um dort bis zuletzt ihre Händel zu treiben. In der Rubrik mit den Verordnungen wird festgehalten, dass die örtlich Verantwortlichen fortan dafür Sorge tragen müssen, den beiden benachbarten Juden an Sonn- und Feiertagen den Aufenthalt vor der Kirche zu verwehren. Ein in trierischen Judenordnungen vorfindliches Reglement wird hier wiederholt. Ein Verstoß gegen die Anordnung wird mit einer Geldstrafe von sechs Albus belegt.

In diesem Zusammenhang erscheint es nicht uninteressant, dass eine ähnliche Ermahnung auch an christliche Männer des Ortes gerichtet wurde. Denn auch diese pflegten - offenbar in störender Manier - während des Gottesdienstes miteinander Gespräche zu führen und dabei Handel und Wandel des Dorfes zu debattieren.

Baurecht

In einer Bauangelegenheit aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geht es zwar nicht direkt um ein Bauanliegn von Juden in Trittenheim, aber sie werden durch einen zugezogenen Gutsherrn herangezogen, um seine eigene rechtliche Situation zu festigen:

Offensichtlich während der Sedisvakanz des trierischen Bischofstuhles wendet sich 1716 der Gutsherr Johann Christoph Sarburg - ein Vorfahr der noch heute in Trittenheim lebenden Familie Milz - an das trierische Domkapitel. Sarburg beabsichtigt in Trittenheim einen Gutshof zu errichten. Aus seinem Schreiben geht hervor, dass ihm, anders als den "dhaselbst begüterte[n] [...] forenzen" (z. B. Benediktinerklöster, die Trierer Jesuitenniederlassung u.a.) durch die Gemeinde das Recht verwehrt werde, "zum bawen sandt, laim, und andere materialien in loco ohnentgeltlich zu suchen und zu holen", was "sogar denen alldahr wohnenden Juden" gestattet werde. Das "sogar" setzt Sarburg bewußt ein, um sein Recht einzuklagen, da er sich selbst jener Bevölkerungsgruppe gegenüber benachteiligt fühlt. Zwar ist es nur eine knappe Notiz über Juden in Trittenheim, doch gibt diese Notiz wider, wie die Rahmenbedingungen für das Leben Juden zu Anfang des 18. Jahrhunderts aussah.

Bürgerrecht und soziale Lage

 

Charakteristische Beispielen antisemitischer und antijüdischer Agitation nehmen Bezug auf die Vorwürfe des Schachers und Wuchers. Die Einschränkungen bei der Berufswahl führten dazu, dass unter den von Juden ausgeübten Tätigkeiten viele als Handelstätigkeiten im weitesten Sinne benannt wurden. Die sozialgeschichtlichen Untersuchungen zeigen tendenziell eine große Zahl von derart tätigen Juden eher unter den Ärmeren bzw. sie lebten in mehr oder minder bescheidenen Verhältnissen lebte.

Dies wird deutlich an folgendem Beispiel: Das "Verzeichniß aller der Pfarrkirche zu Trittenheim zugehörigen Kapitalien, und der davon jährlich schuldigen Pensionen fortgeschrieben im Jahre 1780" (Pfarrarchiv Trittenheim o. Signatur) listet eine größere Zahl von Schuldnern mit teils kleineren, teils größeren Beträgen auf. Unter dem Datum des Jahres 1793 findet sich eine als Abschrift gekennzeichnete Notiz folgenden Wortlauts:

"Wir Juden Bonem, Leib, und Samuel lehnten, und empfingen an baarem Geld von der Trittenheimer Pfarrkirche ein hundert Reichsthaler, wovon wir bis zur Rücklage des Kapitals fünf Rthr jährlichs an Interesse abzutragen uns verpflichten. Jeder stellet sich auf einen fur den andern des ganzen Kapitals schuldner, und respectivè bürg dar. So geschehen Trittenheim d. 19ten Julii 1793. bekenne ich Jud Isaac von Trittenheim wie oben."

Verfolgt man dieses Kreditgeschäft, soweit es sich nachverfolgen lässt, stellt sich heraus, dass die wirtschaftliche Lage des einen oder anderen Leihenden, gleichgültig ob Jude oder Nichtjude, oft so schwierig war, dass an fristgerechte Rückzahlungen kaum zu denken war.

Mit dem Ende des Kurstaates und der Eingliederung des linksrheinischen Gebietes in den französischen Staat gewannen die jüdischen Bewohner zunächst durch die Gleichstellung als citoyen Verbesserungen gegenüber früheren Zeiten. Doch es ist auch bekannt, dass das Dekret von 1806 und das décret infame von 1808 die gewonnenen Freiheiten erneut einschränkten.

Auch unter der neuen preußischen Herrschaft wurden sie ungleich behandelt, etwa als sie nochmals für Leistungen des Kurstaates herangezogen wurden, obwohl aus ihrem Vermögen seit jeher weit höhere Abgaben eingezogen worden waren. Die Bourbott'sche Kontribution des Jahres 1794 hatte Schulden entstehen lassen, an deren Zahlung sie erheblichen Anteil hatten, wovon die noch vorhandenen Listen der Jahre 1818 bis 1832 - 'Erhebungsrollen zur Tilgung der Schulden der israelitischen Gemeinden im ehemaligen Obererzstift Trier' tituliert - Zeugnis geben. Darin erscheinen unter den Zahlungspflichtigen:

Isaak Samuel,
Süskind Israel,
Loeb Bonem,
Bonem Bonem,
Isaak Koppel,
Samuel Richard
und Simon Samuel
allesamt jüdische Bewohner Trittenheims.

Die zu zahlenden Beträge bewegten sich zwischen 8 und 10 bzw. 1 und 3 Talern. Da sich aber ihre wirtschaftliche Lage in jenen Jahren als recht schwierig erwies, betrieben die Eintreiber der Schulden Pfändungen in den Haushalten der Betroffenen. Beispielsweise konnte 1831 der Steuereintreiber Herges eine Schuld von 1 Rth 6 Sgr bei Löb Bonem nicht in bar erhalten. In Gegenwart von "Peter Schmitt Winzers und Benjamin Graff Schullehrers beide wohnend zu Trittenheim" liess er daraufhin eine kupferne Lampe mit acht Zündern, vier Stühle aus Eichenholz, einen viereckigen Tisch aus Nußbaumholz, sieben zinnerne Teller, einen kupferner Küchentopf und einen kupfernen Handwaschkessel konfiszieren - wahrscheinlich die wesentlichen Teile des Mobiliars von Loeb Bonem.

Ein öffentlich publizierter Fall, dass ein jüdischer Handelsmann, der entweder Geld verliehen oder Waren geliefert hatte, bei einer zahlungsunfähigen Gläubigerin den letzten Schritt unternehmen musste, findet sich in der "Trierische[n] Zeitung" vom Donnerstag, den 4.7.1816 (Nº 80) unter den amtlichen Mitteilungen:

"Gezwungene Veräußerung   
Durch Akt vom 25. Juni 1816, einregistrirt, wurde auf Anstehen des Hrn. Isak Samuel, Handelsmann, wohnhaft zu Trittenheim, die der Wittwe Maria Angela Lay, geborne Otto, Ackersfrau, wohnhaft zu Trittenheim,, und ihren minderjährigen Kindern, Johann, Angela, Peter Joseph, und Nikolas Lay, wovon dieselbe rechtmäßige Vormünderinn ist, zugehörigen Gütern in Beschlag genommen, um gerichtlich veräussert zu werden; nämlich:   
1) Ein zu Trittenheim, gelegenes Wohnhaus Nr. 71 in der Pastorsgasse, mit Stall, Scheuer, und einem Gärtchen von ungefähr 22 Centiar. 
2) Neun Weinberge, enthaltend ungefähr 11 Aren, 74 Centiaren.   
3) Zehn Stücker Ackerland, enthaltend ungefähr 14 Aren, 4 Centiaren.    
4) Zwölf Wiesen, enthaltend ungefähr 13 Aren, 65 Centiaren         
5) Endlich ein Baumgarten, von ungefähr 2 Aren 20 Centiaren       
Alles gelegen auf dem Banne der Gemeinde Trittenheim, Kreises Trier.  
Dieser Beschlagnahmungsakt wurde unterm 26. Juni 1816 in der Hypotheken=Bewahrung zu Trier, und am 29. des nähmlichen Monats auf der Kanzlei des Kreisgerichtes daselbst überschrieben, nachdem davon dem Hrn. Bürgermeister Gebert zu Clüsserath, und dem Hrn. Friedensgerichtsschreiber Dany zu Schweich, Auskunft gegeben, und das Original von ihnen visirt worden war. Diese Veräußerung wird durch unterschriebenen Anwalt Johannes Schröder am Kreisgericht zu Trier nachgesucht, woselbst in öffentlicher Sitzung vom 8. August dieses Jahres, 9 Uhr Morgens die erste Bekanntmachung der Bedingnisse vorgenommen wird. 
Trier, den 11ten Juli 1816   
                      Schröder"

Solche Zwangsveräußerungen kamen - folgt man allein den entsprechenden Veröffentlichungen - zu jener Zeit sehr häuf vor. Dass ein jüdischer Vertragspartner genannt wird, trug in einem kleinen Ort, in dem solch gravierende Veränderungen das Leben einzelner berührte, nicht dazu bei, vorhandene Vorurteile zu revidieren.


Koexistenz und Aversion

In der Geschichte der Koexistenz lässt sich aber auch ein markantes Beispiel anführen, das nicht nur ein Miteinander, sondern auch die offen zutage tretene Aversion erkennen lässt. Der Vorfall lässt sich einem Brief des Oberrabbiners Dr. Jakob Hollander entnehmen, den dieser im Juni 1880 an den zuständigen Bürgermeister in Klüsserath sandte. Darin lesen wir:

[... Auf Wunsch der jüdischen Gemeinde zu Trittenheim], welche zu dem Oberrabbinat Trier gehört, habe ich dieselbe am Sonntag, den 13. | d[ieses] M[onats] besucht, um die dortigen religiösen Anstalten zu inspizieren und in der Synagoge zu predigen. Bei meiner Ankunft zu Trittenheim war ein großer Teil der katholischen Bevölkerung des Ortes am Ufer versammelt und begleitete mich, besonders die Jugend, unter mehr oder weniger lautem Rufen durch das Dorf bis zu dem Orte meiner Bestimmung. Aus dem Fenster des am Ufer stehenden Türmchens hatte man einen Besenstiel mit Strohwisch und Lumpen hinausgehängt, kurz, die Haltung der Einwohnerschaft war eine derartige, daß man mir davon abriet, mich in die Synagoge zu begeben, weil man eventuell dort Unannehmlichkeiten seitens der Trittenheimer Bevölkerung ausgesetzt sei. Ich zog es deshalb vor, in einem Privathaus zu sprechen. Mit tiefem Unmute habe ich dieses sowohl ungezogene als auch intolerante Benehmen der Einwohner Trittenheims bemerkt und richte an Euer Wohlgeboren die ergebene Bitte, das Vorgefallene in geeignter Weise zu rügen, wie auch Ihren ganzen Einfluß an maßgebender Stelle dahin geltend zu machen, daß derartige Vorkommnisse sich nicht wiederholen. Wenn ich auch niemanden direkt für das Geschehene verantwortlich machen kann, so muß ich doch sagen, es ist Pflicht derer, die in Kirche und Schule des Volkes Leiter und Erzieher sind, in die Herzen der Kinder wie der Erwachsenen wahrhafte Religiösität und Nächstenliebe zu pflanzen, damit sie in Kultur und Gesittung fortschreiten und Andersgläubige, die friedlich, ohne Aufsehen zu erregen, ihrem Gotte in ihrer Weise dienen, nicht mit Hohn und Spott überschütten ...".

Das Verhalten spiegelt in einem bestimmten Grade die Atmosphäre jener Zeit wider: Auch wenn besonders die Dorfjugend, aber eben nicht nur sie, für die Verächtlichmachung des Oberrabbiners - der Besen mit Stroh und Lumpen, die demonstrative Begleitung mit Rufen - verantwortlich war, so ist doch die Frage zu stellen, auf welchem Hintergrund die abweisende Stimmung entstand. Zu verweisen ist auf das antisemitisch bestimmte Ressentiment, das seit geraumer Zeit in konservativen Kreisen Fuß fassen konnte. Dabei ist auch der geschichtliche Kontext im Blick zu behalten: die Mosel als katholisch geprägtes Terrain erfährt den Kulturkampf auf die verschiedenste Art und Weise. Die katholische Reaktion ist nicht zuletzt eine kämpferische Haltung gegen den Liberalismus, den man besonders bei sozial höheren Schichten ausfindig machte und dem sich auch angesehene Juden zurechneten.[Anmerkung] Darüber hinaus entwickelte sich seit 1879 eine auch unter dem Begriff Antisemitismus agierende Bewegung,[Anmerkung] in deren Dunstkreis Namen wie die des Berliner Predigers Adolf Stoecker oder der bekannte Historiker Treitschke (s. "Berliner Antisemitismusstreit") zu nennen sind. Interessant wäre es überdies nachzufragen, wieweit die publizistische Arbeit des Trierer Klerikers Dasbach zu einer antisemitischen Stimmung mitbeigetragen hat. In seiner kämpferischen Haltung für die verarmte Landbevölkerung griff auch er auf populistische Schlagworte gegen den Wucher zurück, deren zumindest sprachliche Nähe zu antisemitischer Propaganda unverkennbar sein mußte. Man muss dazu auch bedenken, dass seine Zeitschriftenorgane zu jener Zeit im Trierer Land weit verbreitet waren und gewiss das Dorfgespräch mitbestimmten.

Christen und Juden

Das preußische "Edikt über die bürgerlichen Verhältnisse der Juden im preußischen Staat" von 1812, das nach der Eingliederung der ehemals französischen Staatsteile links des Rheins auch dort galt, gewährte das Staatsbürgerrecht und eine vergleichsweise weitgehende bürgerliche Emanzipation, auch wenn sie erst im Laufe eines Jahrhunderts zur gesetzlich realen Gleichstellung führen sollte.

Demgegenüber revidierte die Kirche ihr jahrhundertealtes Mißverhältnis zum Judentum in klarer Weise erst im Vaticanum II durch eine Neubesinnung, wie sie insbesondere in Nostra aetate formuliert wurde (1965). Als Ausdruck für diesen Antagonismus, diese "Vergegnung", wie Martin Buber das Verhältnis auch beschrieb, sei an dieser Stelle eine Korrespondenz angeführt, die der Trittenheimer Pfarrer Nikolaus Liehl (*1801 in Bernkastel, +1870 in Trittenheim; Pfr. in Trittenheim von 1834 bis 1870) mit dem Bischöflichen Generalvikariat in Trier führte. Liehl schildert in seinem Brief den Umstand, daß

"eine Katholikin aus Ensch [...] bei einem hiesigen Juden schon über ein Jahr in Dienst [ist]. Da dieses Dienstverhältniß dieselbe unstreitig in der Ausübung ihrer religiösen Pflichten hindert, und überdem die Kirche ihren Gliedern den Dienst Juden streng verbietet, [...] so habe ich derselben die Unzuläßigkeit dieses Dienstverhältnißes vorgestellt und sie angehalten, dasselbe aufzugeben. Nun hat aber dieselbe aufs Neue bei dem Juden Dienst genommen. Ich frage daher Ew. Hochwürdigstes General-Vikariat gehorsamst an, ob es nicht meine Pflicht ist, der genannten Person die Absolution so lange zu verweigern, bis sie dieses Dienstverhältniß aufgibt? Ferner ist es hier üblich, daß arme Frauen und auch Töchter den Juden an ihrem Sabbathstage das Feuer bereiten, Kochen, Spülen, die Zimmer reinigen und andere häußliche Arbeiten verrichten. Ich frage Ew Hochwürdigstes General Vikariat ebenfalls an, ob ich dies nicht öffentlich in der Kirche verbieten soll?" [Pfarr-Acten]

Liehl greift auf kirchliche Verbote zurück, die er auch durch Stellenhinweise und dazugehörige Angaben von Kommentaren expressis verbis anführt. So verweist er u.a. auf eine Formulierung, wie sie etwa 1434 in der 19. öffentlichen Sitzung des Konzils von Basel niedergelegt wurde: "... gebieten wir sowohl den Ortsbischöfen als auch der weltlichen Macht, daß sie mit allen Mitteln verhindern, daß die Juden oder die anderen Ungläubigen Christen oder Christinnen als Hausgesinde oder Knechte oder Ammen ihrer Kinder haben und daß die Christen an ihren Festen, ihren Hochzeiten, Gastmählern teilnehmen oder an ihren Bädern oder mit ihnen einen allzu großen Umgang haben ..."[Pfarr-Acten]. Die Antwort des Trierer Generalvikars Matthias Martini (*1794 +1868) datiert vom 23. März 1855 und lautet:

"Euer Hochehrwürden erwidern wir [...], daß, da das Kirchenrecht den Christen aufs strengste verbietet, in ein solches Dienstverhältniß bei Juden zu treten, wobei die häusliche Gemeinschaft Statt findet, und zwar aus nahe liegenden sehr triftigen Gründen, Sie der fr:[aglichen] Parochianin, welche von neuem in einen derartigen Dienst eingetreten ist, die hh. Sacramente verweigern müssen. Was aber die Dienste anbetrifft, welche manchmal arme christliche Frauen oder Mädchen den Juden an ihren Sabbath leisten, als Kochen, Spülen, Zimmer reinigen u. dgl., so ist die Verrichtung derartiger Arbeiten wenigstens zu mißbilligen und dringend zu widerrathen, jedoch nicht öffentlich von der Kanzel herab." [Pfarr-Acten]

Welche Konsequenzen dieser Fall für die Christin hatte wird nicht weiter mitgeteilt. Das geschilderte Verhalten zeigt jedoch, dass seitens vieler einfacher Christen das alltägliche Miteinander weniger von religiösen Reflexionen bestimmt wurde als von der Tatsache, dass das Leben bewältigt werden musste. Im vorgenannten Beispiel ging die Notwendigkeit sogar soweit, dass die aus einem Nachbarort stammende Magd offensichtlich im jüdischen Haushalt selbst wohnte. Aus den Erzählungen älterer Frauen lässt sich auch festhalten, dass die Sabbatdienste meist nicht mehr Teil eines Anstellungsverhältnisses waren, sondern nachbarschaftliche Hilfe - vielleicht auch verbunden mit dem Reiz des Exotischen.

01.01.2016

Jüdischer Friedhof

 

Wie fremd jüdische Sitten und Traditionen der dörflichen Bevölkerung, aber auch den staatlichen Beamten waren, zeigt der erhaltene Schriftverkehr, der anläßlich der Anlage eines eigenen jüdischen Friedhofes - des "Judenkärschhofs" im Dialekt - auf der Trittenheimer Gemarkung seine Niederschrift fand.

Für das Judentum war und ist die Bestattung ihrer Verstorbenen auf einem gleichzeitig von Nichtjuden genutzten Friedhof unmöglich. Dennoch wird erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein eigener Friedhof der jüdischen Gemeinde auf Trittenheimer Gemarkung angelegt. Wo begrub man seine Toten bis dahin? Die Erklärung hierfür geben die Grabstelen der jüdischen Friedhöfe der Nachbarorte Leiwen und Neumagen, doch auch Triers Guter Ort scheint zeitweise als Begräbnisstätte gewählt worden zu sein, wie aus einem Briefwechsel des Jahres 1808 hervorgeht, in dem die Nutzung des jüdischen Begräbnisplatzes Triers durch die Juden der Trierer Vororte behandelt wird. Für die meisten waren die verwandtschaftlichen Beziehungen Ausschlag gebend dafür, wo sie ihre ewige Ruhe finden sollten.

So lassen sich auf dem jüdischen Friedhof in Neumagen-Dhron z. B. noch die Namen Sandik Bonem (Metzger und Handelsmann; * 06.04.1819 in Trittenheim, ∩ 12.01.1899 Trittenheim), M(oses?) Bonem und Dorothea Kahn, auf dem jüdischen Friedhof in Leiwen z. B. das Doppelgrab von Samuel Richard (* 09.1799 Trittenheim, ∩ 13.09.1868 Trittenheim) und seiner Frau Ester (Tochter von Alexander Simon und Sara Ackermann aus Thalfang, * 04.01.1804 Thalfang, ∩ 06.01.1873 Trittenheim), sowie die Gräber von Veronika Koppel (verheiratet mit Issak Koppel, Tochter von Samuel Richard und Esther Simon, * 04.04.1826 Trittenheim, ∩ 12.06.1887 Trittenheim), Gottlieb Samuel (* 01.10.1823 Trittenheim, ∩ 19.06.1894 Trittenheim; verheiratet mit Rosina Schloss aus Leiwen) und Rosa Samuel (verst. 1895) auffinden.

Da nach jüdischer Tradition ein Verstorbener binnen eines Tages bestattet werden muss, ist es angesichts der geschilderten Probleme leicht verständlich, dass man einen Ausweg suchte: Im "unterthänigste[n] Gesuch [...] um die Ueberlassung eines Gemeinde-Landstückes Distrikt auf dem Trögen, zur Anlegung eines Begräbnißortes für ihre Verstorbenen [...] An den Bürgermeister Herrn Lehnert Wohlgeboren zu Klüsserath" weist man darauf hin, daß

"die Israelitische Cultusgemeinde [...] seit alter Zeit ihre Toden von Trittenheim nach Leiwen transportiert und auf den jüdischen Gottesacker daselbst begraben [hat]. Bis jetzt ist jedoch derselbe vollbelegt und kann nach jüdischem Ritus von abermaliger Belegung nicht [die; der Vf.] Rede sein, sondern müssen durch Vergrößerung des Terains [sic!] die Weiterbegräbniße ermöglicht werden und hierzu ist eine Neu-Anlage erforderlich, wozu auch unsere Israelitische Cultusgemeinde beitragen muß. Der Transport unserer Toden nach Leiwen ist mit vielerlei Uebel und Mißstände verbunden. Bald ist schlechte Witterung, bald Hochwasser, bald Eisgang der Mosel, daß die Ueberfahrt erschwert, sogar manchmal unmöglich ist, bald große Hitze zur Sommerzeit und die weite Entfernung, alles dieses sind gewiß nicht zu unterschätzende Beschwerden bei einem Begräbniß welche alle beseitiget würden, wenn [wir; d. Vf.] einen Gottesacker hier in Trittenheim hätten. In Anbetracht unserer cirka 55 Seelen zählenden Cultusgemeinde, die als mitberechtigte Civil-Bürger von Trittenheim der Civilgemeinde gleich zu stehen glauben, erlauben daher den Antrag stellen zu dürfen, daß auf dem Gemeinde zugehörigen Distrikt auf dem Trögen uns zur Anlegung eines jüdischen Kirchhofs (Begräbnißstelle) zugewiesen werden möge, über die Fläche werde seitens der Gemeindebehörde entschieden"

(LHAK 655, 178, 417: Akte "Friedhofsangelegenheiten", ohne Paginierung). Unterschrieben ist das Schreiben für die "israelitische Cultusgemeinde" Trittenheims von Vorstandsmitglieders: Lewi Richard, Jakob Bonem, Theodor Richard, Bermann Samuel, Richard Koppel, Isaak Koppel Sohn, Richard Koppel, Elias Richard, Isaak Samuel, Elias Bonem, Marx Richard. Als Abfassungszeit des ohne Datierung überlieferten Briefes ist an das Ende des Jahres 1895 bzw. Anfang 1896 zu denken.

Sowohl dieser wie ein ähnlich formulierter, aber nicht mehr auf den Distrikt Trögen bezogener Antrag wurden durch den Gemeinderat im Januar und Februar 1896 abgewiesen. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Richard Koppel, sah sich erneut zu einem nachdrücklichen Schreiben veranlasst. Darin hob er hervor, "daß die israelitische Gemeinde weder in der Nähe der Wasserleitung [der Trögen war eine quellreiches Areal] noch in der unmittelbaren Nähe des Ortes ein Grundstück verlangt, wohl ein solches das 10-20 Minuten vom Ort entfernt liegt, wie es das [religiöse; d. Vf.] Gesetz genau vorschreibt" (LHAK 655, 178, 417). Die offensichtliche Erfolglosigkeit zwang den Vorsteher Koppel zur Anrufung der nächst höheren Instanz.

Nun sah sich das Regierungspräsidium in Trier veranlasst, einen Bericht des Bürgermeisteramts in Klüsserath anzufordern. Mitte Juni 1896 sandte Bürgermeister Lehnert seinen Rapport an den Regierungspräsidenten:

"Die jüdischen Einwohner von Trittenheim haben ihren Begräbnisplatz an verschiedenen Stellen. Der eine Theil hat den seinen in Neumagen, der andere in Leiwen. Die Stelle in Leiwen ist fast vollbelegt. Dieselbe wollen den Platz nicht erweitern auch nicht umgraben lassen. Aus diesem Grunde haben sie den Antrag auf Errichtung eines jüdischen Kirchhofs in Trittenheim gestellt, welcher Antrag der G[emein]d[e]rath wiederholt abgelehnt hat. M. E. ist die Gemeinde auch nicht verpflichtet den Israeliten eine eigene Begräbnisstätte einzurichten, höchstens können dieselben auf einem Civilkirchhof eine Stelle beanspruchen als dann haben sich aber auch aller ortsüblichem Gebrauch des Umlegen des Kirchhofs zu unterwerfen. In der Gemeinde Trittenheim ist nur ein konfessioneller Kirchhof vorhanden, der aber auch bald ganz belegt ist sodaß in kurzer Zeit ein anderer Begräbnißplatz angelegt werden wird. Auf diesem kann dann den Juden eine Stelle angewiesen werden, wenn sie darauf reflectieren. Der Antrag ist nicht so drängend wie geschildert, das Uebersetzen der Leichen ist allerdings umständlich allein dieser Uebelstand befindet sich an der Mosel in vielen und großen Gemeinde, [wo; d. Vf.] der Kirchhof auf dem dem Ort gegenüberliegenden Ufer sich befindet. Bei der geringen Seelenzahl sind die Sterbefälle sehr vereinzelt. Im Jahr 1895 ist nicht ein einziger zu verzeichnen"

(LHAK 655, 178, 417)

Die bürgermeisterliche Antwort zeugt von Unwissen, was die jüdischen Begräbnissitten angeht. Schließlich sollte es doch möglich sein, ein Grundstück zu erwerben. Allerdings zahlte die jüdische Gemeinde einen Kaufpreis, der, wie aus einem Protestschreiben hervorgeht, deutlich überhöht war, denn das Grundstück

"liegt in nördlicher Richtung ca. 1060 m. von dem Dorfe Trittenheim an einem von Westen nach Osten hin abfallenden Bergabhange, linksseitig an einer ziemlich starken Thalmulde, für welch letztere die ca. 500 m. weit unterhalb fließende Mosel die natürliche Vorfluth bildet. Die Fläche selbst, sowie die eben erwähnte Thalmulde, wird gegenwärtig als Wiese genutzt. Die Bodenarten zwingen, im Obergrunde einen kräftigen Feldwiesenboden, der Untergrund besteht aus einem fetten, mürb zerbröselnden Thonschiefergeröll durchsetztem thonhaltigen Lehm".

Im Oktober 1896 stimmte der Gemeinderat zu und das Grundstück mit 299 qm Flächeninhalt wurde gemeinschaftlich von dreizehn jüdischen Männern und zwei Frauen erworben. Nach der Mutterrolle (Katasteramt Bernkastel-Kues Mutterrolle 1767/Bd. 19/Bl. 916) waren dies:

Elias Bonem (Metzger),
Jakob Bonem (Handelsmann),
Bernhard Koppel (Handelsmann),
Isaak Koppel,
Isaak Koppel Sohn (Handelsmann),
Richard Koppel (Handelsmann),
Elias Richard,
Levi Richard (Handelsmann),
Marx Richard (Handelsmann),
Ruben Richard (Handelsmann),
Theodor Richard (Handelsmann),
Brendel Samuel (die Tochter Gottlieb Samuels),
Isaak Samuel (Handelsmann),
Babetta Samuel (Witwe von Jeremias Samuel)
und Salomon Samuel (Sohn von Gottlieb Samuel).

Für die Herrichtung zum Friedhof hatte die jüdische Gemeinde weitere 210 M aufzubringen [Friedhof].

Trittenheims jüdischer Friedhof liegt an einem alten Flurweg im Distrikt Wäldchen (nach Diamant: Flur 2, Flurstück 51) bei raschem Schritt erreicht man bei fast beständigem leichten Anstieg den Friedhof von der Dorfmitte aus in etwa dreißig Minuten.

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27.01.2016

Synagoge

Die jüdische Gemeinde besaß seit Ende des 19. Jahrhunderts einen Friedhof; eine Synagoge besaß sie schon etwa vierzig Jahre früher. Die 1849 erschienene "Beschreibung des Regierungs-Bezirks Trier" des preußischen Regierungsbeamten Georg Bärsch listet Synagogen und jüdische Bethäuser der Landkreise Bernkastel, Trier und Wittlich auf. Neben Ortsnamen wie Aach, Könen, Leiwen, Mehring, Neumagen, Niederemmel, Dusemont (Brauneberg) und Schweich findet sich auch die Moselgemeinde Trittenheim genannt. Bärschs Angabe läßt sich nicht entnehmen, ob in Trittenheim eine Synagoge im Sinne eines eigenen Kultbaues zu finden ist oder ob die jüdischen Bürger hier nur einen Betsaal besaßen. Häufig gab es in kleineren Gemeinden einen solchen in einem Privathause eingerichtet.

Näheren Aufschluss hierüber gibt ein 1830 angefertigtes "Verzeichnis der sämtlichen männlichen volljährigen und unbescholtenen jüdischen Einwohner in den Bürgermeistereien Leiwen und Trittenheim welche sich selbständig ernähren und mit der Entrichtung ihrer Abgaben für die Gemeinde während der letzten 3 Jahren nicht in Rückstand geblieben sind" (LHKo Best. 655, 178, Nr. 47). Danach befand sich, wie in einer gesonderten Notiz festgehalten wird,  "die Synagoge [...] noch in einem Privathause". Die genaue Lokalisierung ist bislang nicht möglich; manches spricht aber dafür, dass sich der Raum in einem Haus unweit der heutigen Pfarrkirche befunden haben könnte. Der Vermerk fährt mit dem Hinweis fort, daß ein Beschluss der Juden vorliege, daß "in k.[ünftigen] Jahren eine [Synagoge] erbaut" werde, "ohne daß die Israeliten bis dahin einen Zuschuß verlangen" werden (f. 2v). Die jüdische Gemeinde konnte auf eine finanzielle Unterstützung durch die Zivilgemeinde nicht rechnen und die eigene Finanzkraft war nur bescheiden; auch litten die jüdischen Familien wie alle anderen unter der wirtschaftlichen Depression der dreißiger und vierziger Jahre [Anmerkung]. Es sollte noch eine ganze Weile bis zum avisierten Zeitpunkt "in künftigen Jahren" vergehen. Schließlich hält der der Ortspfarrer in seiner Pfarrchronik 1856 fest:

"Im März dieses Jahres haben die hiesigen Juden mit dem Bau einer Synagoge begonnen"
(Pfarr-Chronik Bd. I, S. 78).

Das von Samuel Bonem nach 1844 käuflich erworbene Grundstück lag zum Zeit des Erwerbs und auch noch nach Angabe der Schulchronik vom Ende des 19. Jahrhunderts "extra muros", ausserhalb des gewachsenen Dorfes. Die feierliche Einweihung der neuerbauten Synagoge fand ein überörtliches Interesse, das sich in einem Pressebericht in der staatstreuen und liberalen Trier'schen Zeitung niederschlug. In der Ausgabe vom Dienstag, den 10. März 1857 (Nr. 58, f. 2r), las der Abonnent:

§§ Trittenheim an der Mosel, 1. März. An den beiden letztverflossenen Tagen waren wir Zeuge einer schönen Festlichkeit. Die von der hiesigen israelitischen Gemeinde mit großen Opfern neuerbaute Synagoge erhielt ihre Weihe. Dem feierlichen Umzuge aus der alten in die neue Synagoge hatten sich, außer vielen Glaubensverwandten aus der Nähe und Ferne, auch zahlreiche Angehörige anderer Confessionen in brüderlicher Theilnahme angeschlossen. An der Pforte der neuen Synagoge überreichte ein Mädchen in gemüthvoller Ansprache dem Herrn Oberrabbiner auf seidenem Kissen den Schlüssel. Der Herr Oberrabbiner machte hierbei die Ueberschrift der Synagogenthüre: "Gotteshaus zum Gebete für Alle", zu einer ergreifenden Anrede an die Versammelten. Die würdevollen Festreden desselben an beiden Tagen überzeugten, daß auch die jüdische Religion die erhabensten Lehren über Gott, die Bestimmung des Menschen und dessen Pflichten gegen den Nebenmenschen, ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses, enthalten. Die ganze Feierlichkeit machte den besten Eindruck auf die Anwesenden und wird dazu beigetragen haben, die mitunter gegen das Judenthum noch bestehenden Vorurtheile zu beseitigen. Einen anerkennungswerthen Zug bewährte die hiesige christliche Bevölkerung, indem sie die zahlreich herbeigeströmten fremden Israeliten in zuvorkommender Weise bei sich aufnahm.

Beachtenswert ist die Kommentierung, wenn betont wird, "daß auch die jüdische Religion die erhabensten Lehren über Gott, die Bestimmung des Menschen und dessen Pflichten gegen den Nebenmenschen, ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses, enthalten". Der Verfasser äußert seine Hoffnung, daß dieses Ereignis einen Beitrag dazu leisten möge, "die mitunter gegen das Judenthum noch bestehenden Vorurtheile zu beseitigen". Blickt man in das zeitliche Umfeld, dann ist dies auch eine Aussage zu der heftig geführten zeitgenössischen Debatte um die Emanzipation, wie sie sich zwischen der 1848er Revolution bis kurz vor die Reichsgründung entwickelte.

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Abbruch

Das Schicksal der Synagoge während des Nationalsozialismus und Ende der Gewaltherrschaft wurde davon geprägt, dass Mitte der dreißiger Jahre, noch vor dem Novemberpogrom des Jahres 1938, die durch die politischen Zeitumstände jüdische Gemeinde durch die Emigration jüdischer Trittenheimer so sehr schrumpfte, dass sich die Gemeinde gezwungen sah, das Gebäude zu veräußern. Die wenigen zurückbleibenden jüdischen Bewohner Trittenheims, die entweder wegen ihres Alters nicht gehen wollten oder die Auswanderung nicht finanzieren konnten, konnten die Einrichtung nicht mehr finanzieren. Die Synagogengemeinde wurde aufgelöst bzw. zwangsfusioniert (1933: 32 jüdische Einwohner, 1938: 5 jüdische Einwohner). Das veräußerte Gebäude wurde außerkultisch weiter genutzt und blieb vor einem Anschlag in der Reichspogromnacht bewahrt. Nach dem Krieg blieb die private Nutzung und der baulich massive Eingriff in die Architektur läßt kaum noch erahnen, welches Haus des Gebets hier stand.

Die geschichtliche tour d'horizon führt zum Ende der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Trittenheim. Das Ende - der Abbruch einer Geschichte kam mit Gewalt und Erschrecken.

Aus der politischen Zersplitterung und Radikalisierung der Politik am Ende der zwanziger Jahre gewannen die Nationalsozialisten 1933 mit demokratischer Legitimierung die Regierung in Deutschland, um antidemokratisch herrrschen zu können. Den Radikalismus der NSDAP und ihrer scharfer Antisemitismus, der auch in anderen nationalistischen Parteien zu finden war, hatten breite Kreise als propagandistischen Effekt eingeschätzt. Schon kurz nach Regierungsantritt wurde deutlich, dass es eine Machtübernahme in Deutschland wurde, die offen Repressionen gegen die jüdischen Mitbürger vertraten.

Die Schulchronik bemerkt zum 1. April 1933 lapidar:

"Der Boykott der jüdischen Geschäfte am 1.4. wegen Greuelnachrichten im Ausland wurde auch hier durchgeführt. S.A.-Leute der NSDAP standen Posten." [Schulchronik]

Dieses Zeitzeugnis nahm im November 1938 keine Notiz vom Pogrom. Dafür ist umso deutlicher, was der damalige Ortspfarrer Johann Linden notierte. Linden, ein überzeugter Anhänger des Zentrums, das die absolute 2/3-Mehrheit in Trittenheim erst bei der Reichtagswahl im März 1933 verlor, scheute sich nicht, seine Abneigung gegenüber dem Dritten Reich auch öffentlich kundzutun. Mehrerer Verhöre durch die Gestapo und eine mehrmonatige Ausweisung waren die Folge.

Überzeugte Nazis empfanden es als Provokation, dass Linden bei den jüdischen Fleischern einkaufte und er "ein jüdisches Mädchen mit in den Katholischen Religionsunterricht bestellt und es dort den Kindern als Vorbild hin[ge]stellt" habe. Lindens Antwort lautete, er werde "solange in Trittenheim kein Arischer Metzger ist, [...] Fleischwaren bei den jüdischen Metzgern" kaufen. Zu dem zweiten Vorwurf bemerkte er: "das sehr intelligente Schulkind Ruth Koppel bleibt manchmal in meiner Religionsstunde - 2. Stunde vormittags - und nimmt dann regen Anteil an dem Unterricht, oft mehr als die Kinder arischer Abstammung. Ich habe sie noch nie zum Religionsunterricht bestellt. Die jüdischen Kinder bleiben ja auch in dem Bibelunterricht, der von den Lehrpersonen erteilt wird" (Pfarrchronik II, S. 31f.).

Einige jüdische Einwohner, die sich als Trittenheimer verstanden und in der Dorfgemeinschaft verwurzelt fühlten (z.B. durch aktiven Mitgestaltung im dörflichen Vereinsleben) versuchten eine Koalition politisch Engagierter zu finden, in der nicht nationalsozialistisch orientierten Personen dazu beitragen, auf kommunaler Ebene die Lage erträglicher zu gestalten. Eine Chance bot sich, da der von den Nationalsozialisten eingesetzte Parteigenosse schon nach kurzer Zeit auf sein Bürgermeisteramt resignierte. Die Brüder Bonem sahen die Gelegenheit, bei der Neuwahl die Wahl eines Nationalsozialisten zu verhindern. Adolf Bonem, der mit seiner Familie nach Chicago flüchtete, dokumentierte dieses Unterfangen in einem 1946 in Trittenheim abgefaßten Schreiben. Er überliess das Schreiben dem von ihm unterstützten Bürgermeisterkandidaten als Entlastungszeugnis.

"Herr N.N. ist nur auf Anraten von uns Gebr. Bonem und einigen besseren Bürgern von Trittenheim in die Partei eingetreten, damit die Juden und die besseren Katholiken von Trittenheim vor dieser Hitlerbande geschützt sein sollten. Was auch in Wirklichkeit nachdem [besagte Person] Gemeindevorsteher von Trittenheim war, der Fall gewesen ist, denn wenn [besagte Person] nicht Oberhaupt der Civilgemeinde Trittenheim gewesen wäre, hätten die Juden von Trittenheim nebst unser Herr Pastor Linden schon im Jahre 1933 durch diese Bande den Kopf verloren" (Privatkorrespondenz).

Der Ortsgruppenleiter der NSDAP hielt dem Bürgermeister vor, eine "judenfreundliche Gesinnung" zu haben. Begründet sah er dies darin, dass die jüdischen Mitbürger in der Amtsstube des Bürgermeisters ebenso freundlich empfangen wurden wie die anderen Ortsbewohner. Ausserdem suchte er die jüdischen Bürger vor Übergriffen zu schützen, soweit es ihm möglich war. Im November 1935 kam es zu einem massiven Übergriff durch Parteigenossen, an dem sich aber auch nicht organisierte Einwohner beteiligten. Ziel was die Wohnung des Viehhändlers Isidor Koppel, der "gegen 1 Uhr nachts mich um Hilfe rufen [kam]" und "als ich an das Haus des Juden kam fand ich Fenster und Türen kaput[t], ich habe die Tat gerügt und laut über die Übeltäter geschimpft. Weil ich nun das Vorgehen gegen die Juden verurteilt und diese in Schutz genommen habe, wurde ich von den Nachbaren des Juden tätlich angegriffen, ich habe natürlich abgewehrt und die Judenfamilie in ein anderes Haus geleitet" (Privatkorrespondenz).

Dass der Ortsbürgermeister "sogar den Juden Adolf Bonem mit militärischem Grusse zu begrüssen" pflegte, tadelte die Parteileitung nicht weniger. Der Ortsgruppenleiter kommentierte dies dahingehend, dass "es [...] wiedersinnig [sic] und zwecklos [ist], wenn ich als politischer Hoheitsträger den Volksgenossen des Ortes verbiete bei Juden zu kaufen und sie über die Judenfrage aufzuklären, wenn Sie mich als Ortsbürgermeister, in einem nationalsozialistischen Staat, öffentlich in irgendeiner Form, gegen die örtlichen Juden Stellung nahmen. Pg. die mit Juden handelten habe ich zurecht gewiesen und da wurde mir des öfteren darauf erwiedert [sic], solange unser Ortsbürgermeister bei Juden kauft wird es uns auch gestattet sein. Somit war meine Arbeit betr. der Judenfrage zwecklos!" (Brief vom 4.4.1937.) Die Partei reagierte mit der Amtsenthebung im Mai 1939; sie leitete außerdem ein Parteigerichtsverfahren ein, das aber wegen des Krieges ausgesetzt wurde. Pfarrer Linden wurde fast zur gleichen Zeit aus dem Regierungsbezirk ausgewiesen, da er die 'öffentliche Ruhe und Sicherheit' durch seine eindeutigen Predigten und seine abneigende Haltung zum Staat gefährde. Während Pfarrer Linden Ende September wieder zurückkehren konnte, trat an die Stelle des abgesetzten Ortsbürgermeisters ein eindeutiger Nazi.

Adolf Bonem und seiner Familie gelang die Flucht nach Chicago; auch Julius Samuel und die Familien Bermann sowie Isidor Koppel fanden in den USA Zuflucht. Andere glaubten durch den Wegzug nach Trier in der Anonymität der Stadt dem wachsenden antisemitischen Druck ausweichen zu können. Carl Samuels hingegen blieben in Trittenheim. Ihr Sohn war über Luxemburg in die Vereinigten Staaten geflohen und kehrte als Sergeant der US-Army im März 1945 nach Deutschland zurück; seinen Geburtsort zu besuchen gelang ihm nicht, da die Brücke zerstört war. Von Heidelberg aus erkundigte sich C. Samuel im September 1945 brieflich in Trittenheim nach dem Schicksal seiner Eltern. Als Antwort erhielt er die Mitteilung:

"[...] Seine [recte wohl: Deine] Eltern waren die letzten Juden die noch hier waren, diese sind im Jahr 1943 mit Sammeltransport von Trier abgefahren, wohin weis man nicht, man hat gesagt die kämen nach Polen, nie wieder hat man was gehört von Ihnen, es hat den Leuten im Dorf leid getan als Sie fort mussten, man hat sich immer nur lobend über Deine Eltern ausgesprochen, nur die wenigen Nazi-Lumpen haben mit höhnischem Lächeln die Judenverfolgung bekleidet [recte: begleitet]."

Carl Samuels Eltern gehörten auch zu den Opfern des Pogroms vom 9. November 1938. Pfarrer Linden hielt in seinen perönlichen Notizen seine EIndrücke fest und scheute sich nicht, von der Kanzel Stellung zu beziehen:

"Am 9. Nov. 1938 wurde in ganz Deutschland eine Zerstörungsaktion gegen jüdische Häuser, Geschäfte und Synagogen ausgeübt, die den in anderen Ländern vorgekommenen kommunistischen Greueltaten in gar nichts nachstehen. An den folgenden Tagen wurden sie in den Tagesblättern als spontane Kundgebungen bezeichnet, aber jeder anständige Leser empfand diese Bezeichnung als eine bodenlos gemeine Heuchelei. Denn jeder weiß, wie diese 'spontane' Action am selben Abend, desselben Tages in ganz Deutschland möglich war. Hier in Trittenheim war es besonders schlimm. Im Hause des Juden Baermann wurden sämtliche Fenster, Türen, Schränke, Tische usw. vollständig zerschlagen, sämtliche Wäsche und Stoffe wurden verschleppt und gestohlen; in der Nacht wurden die Reste der zertrümmerten Möbel an der Mosel unter dem Johlen des Trittenheimer Gesocks verbrannt. Ähnlich war es in dem 2. jüdischen Hause im Hofe. Am andern Morgen lag der Hausgang voll von zerschlagenen Möbeln, von Glas und Porzellan, Bilder und Einrichtungsgegenständen. Greuel der Verwüstung. Einige Trittenheimer Christen zeichneten sich besonders aus, deren Namen ich absichtlich verschweigen will. Aber die anständigen Leute werden sie behalten im Gedächtnis und mit Fingern auf sie zeigen, wenn Gott sie heimsucht. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß das Gebot der Nächstenliebe von katholischen Christen in so furchtbarer Weise mißachtet würde. Ein Glück für die Juden war es, daß die meisten schon vorher nach Amerika ausgewandert und ihre Häuser in Besitz anderer Trittenheimer übergegangen waren, sonst wäre gegen sie in derselben Weise gewütet worden. Gottes Ordale zeigen sich übrigens schon auffallend. [...] In dieses beschämende Kapitel gehört auch Folgendes. Bis 1933 gab es hier einige jüdische Familien mit circa 45 Personen; jetzt 1938 im Nov. gibt es nur mehr 4 Personen jüdischen Bekenntnisses hier. Alle anderen haben rechtzeitig durch die Wucht der Verhältnisse gezwungen sich nach anderen Ländern bes. Amerika gerettet. Bei den Juden, die jetzt noch hier sind war auch ein alter Mann, Bonem, von circa 80 Jahren. Ihm wurde alles bei der bek. Action zerschlagen. Die anderen sorgten für ihn, soweit sie nach Verlust ihrer Habe konnten. Schließlich wollten die Stammesgenossen auch fort zu ihren Angehörigen nach Amerika. Er sollte hier bleiben. Das nahm sich der alte Mann in seiner hilflosen u. wahrhaft bedürftigen Lage so zu Herzen, daß er am 24. Dez. 1938 in die halb zugefrorene Mosel lief. Am 27.12. wurde er auf dem jüdischen Kirchhofe beigesetzt. Einige Juden, ein Totengräber und zwei Fuhrleute gaben ihm das Geleite. Welch eine furchtbare Anklage wird dieser Jude bei Gott wider seine und seiner Stammesgenossen Bedränger und Verfolger erheben!" (Pfarrchronik II S. 43-44)"

Jakob Bonem, einst gemeindlicher Aufseher für die neu errichtete Brücke und Brückengeldeinnehmer, war der letzte Jude Trittenheims, der auf dem jüdischen Friedhof in Trittenheim bestattet wurde; niemand mehr war allerdings da, der ihm eine Grabstele errichten würde.

Das Leben der Geflüchteten ging nicht bruchlos weiter; zerbrochen wurde das Leben jener Frauen und Männer, die Opfer der Shoah wurden. Ihre Geschichte, die auch Geschichte des Ortes Trittenheim ist, kann nicht vergessen werden. Erinnern ist angesagt, Erinnern als Weg, durch den eine (tolerante) Zukunft gelebt werden kann:        

Koppel, Esther      *1886     

Koppel, Josef      *1889     

Koppel, Ivan      *1922     

Koppel, Samuel Sally  *1884     

Koppel, Sigismond      *1890     

Samuel, Leon      *1909     

Samuel, Paul       *1910     

Samuel, Ottilie (verheiratet Berger) *1870

Samuel, Moses      *1877     

Samuel, Marianne      *1879

 

Nachbemerkung

Mit der Deportation der letzten jüdischen Bewohner 1943 endete die Geschichte einer jüdischen Gemeinde in Trittenheim endgültig. Das Wissen um die jüdische Geschichte Trittenheims - um einen längeren gemeinsamen Weg - schwand mit den Jahren mehr und mehr. Damit ist das Erinnern, das Verspüren, dass hier ein schmerzlicher Verlust des Eigenen geschah gemindert worden. Erinnern heißt damit für mich auch, den Verlust der eigenen historischen / geschichtlichen Identität zu mindern. Darf man die Hoffnung haben, dass, ausgehend etwa vom sinnenfälligsten Zeichen der Vergangenheit im jüdischen Friedhof, zunehmend besonders junge Menschen danach fragen werden, was ihre, unsre Gegenwart mit dem Einst verbindet und warum die Frage nach dem Warum des Gestern heute Bedeutung für die Frage nach dem Wie des Morgen ist? Vielleicht werden dann auch andere mit dem Verfasser erspüren können, dass das Zerbrochene und Verlorene auch Spuren in der Frage nach der eigenen Herkunft hinterlassen hat.