... Ich nahm am Festessen teil, weil mich Staatsminister Eyschen gebeten hatte, die Tischreden aufzunehmen. Tischreden pflegen hierzuland nicht, wie drüb der Mosel, schon bei der Suppe, sondern erst beim Dessert, bezw. Champagner zu steigen. Um bis dahin klaren Kopf und gelenkige Finger zu behalten, hatte ich bei Tisch nur dabei gesessen, ohne mitzutafeln. Desto hungriger und durstiger war ich, als sich die Gäste erhoben und weggingen. Ich exerzierte in aller Eile nach. Darüber kam der wackere Wagnesch Gustav, der das Bankett geliefert hatte, der cholerische blonde Gascognertyp, und setzte sich zu mir und frug, was ich am liebsten tränke. "Alles, nur nicht von Ihrem Trittenheimer", sagte ich. Er guckte mich erst verwundert an. "Warum?", frug er. "Wenn ich Wein, guten Wein trinken will, trinke ich kein Selterswasser." Da wurde er zutraulich. "Sie haben recht", sagte er, "dieser Trittenheimer ist krank. Er ist zu früh auf die Flasche gekommen, hat nachgegärt, und gebührt sich jetzt beim Entkorken wie Birresborner. Aber was wollen Sie, die Nachfrage ist zu stark, man wollte so schnell wie möglich losschlagen. Und nun trinken alle das kranke Zeug, als müßte es so sein. Keiner versteht etwas von Wein. Sie nennen das spritzig, süffig und wollen es sobald nicht mehr anders haben. Es ist eine Affenschande für den schönen Wein." So oder ähnlich wetterte Wagnesch Gustav. Das war anno 1891, vor 30 Jahren. Er hat Recht behalten. Gesteigerte Nachfrage, Fehljahre u.s.w. wirken zusammen, um im Handel dem Moselwein einen Charakter anzudrehen, den er von Natur nicht hat. Wenn es sich die Trinker gefallen lassen, umso besser. Aber es gibt vielleicht noch da und dort einen alten Schoppenstecher, der mir und dem Wagnesch Gustav Recht gibt. Mit Gruß und Handschlag, Ihr Batty Weber."

Der Textauszug findet sich in
Soeur Marie du Bon Pasteur. D'Geschicht fun ènger létzebûrger Schôlschwèster (Fortsetzung XII). In: Ons Hemecht 1897, S. 73-91, S. 76.

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