Fortsetzung II

Außer Berlin und Breslau trat besonders Köln als Patenstadt hervor. Ein Relikt dieser intensiveren Verbindung zwischen der Moselgemeinde und der Rheinmetropole findet sich noch heute im Stadtteil Köln-Zollstock, wo sich in der Nähe des Güterbahnhofs die Trittenheimer Straße findet. Im Vorfeld dieser Patenschaft reisten schon am 9. Oktober 1935 vierzig Kölner Pressevertreter an die Mosel. Der Vertreter des Stadtanzeigers der Kölnischen Zeitung berichtete später unter dem Titel "Köln will den Volksgenossen im Moselland helfen":

"Der Empfang in Trittenheim [...] war von einer wohltuenden Herzlichkeit. Böllerschüsse krachen, die Frauen stehen in ihren bunten Kleidern am Straßenrand, dazwischen verteilt die Winzer mit ihren saubern blauen Arbeitsschürzen, alle froh und hoffnungsvoll. In Trittenheim zieht eine Blaskapelle mit uns durch die Straßen, und wir entdecken uralte Häuser mit jenen Winkeln und Umbauten, die dem Weinort eine gewisse Vertraulichkeit geben. Fahnen flattern aus den Fenstern, und alt und jung winkt und grüßt. [...] Alte Keller, die man einstmals durch Mauerwerk den Franzosen versperrte, mit schweren Gewölben, an denen unzählige Tropfengebilde kleben, bergen Faß an Faß mit einem edeln Gewächs, das draußen an gewaltigen Hängen gedeiht. Die Winzer und Winzerinnen kredenzen uns vom Allerbesten, den die Kölner in der Weinwerbewoche trinken sollen, um dann für immer wieder die Weine aus Trittenheim [...] zu verlangen. [...] Der einzige Reichtum, der Wein, lag bisher unverkauft in den Kellern. Aber das wird ja jetzt besser werden, die Not wird aufhören."[Foto]

Der Autor schildert die mühsame Arbeit und verweist auf die trotzdem herrschende Not, der sich die "Volksgemeinschaft" durch "gegenseitige Unterstützung von Stadt und Land" zuwenden soll; "an der Mosel ist man schon mit dem Dank bei der Hand, indem die Winzer im nächsten Jahr erholungsbedürftige Kölner Kinder für längere Zeit aufnehmen wollen."

Die Kölner Tageszeitung "Der neue Tag" berichtete unter anderem unter der Überschrift "Köln 'schaukelt' sein Patenkind", daß beim Mittagessen Gelegenheit bestanden habe

"den trittenheimer Laurentiusberg zu probieren. Ein köstlicher Tropfen, wahrhaftig. Inzwischen hatte sich ein fröhlicher Winzerzug gebildet, Winzerinnen mit Rebenlaub und Trauben geschmückt, saßen auf den Wagen. Weinbauern mit den Behältern auf dem Rücken, Küfer- und andere Winzerwagen mit lustigen Sprüchen versehen, bildeten einen ansehnlichen Zug. Die Musik setzte sich an die Spitze und dann ging's durch den geschmückten Ort an die Mosel, wo die offizielle Begrüßung stattfand."

Der Artikel verweist darauf, "daß dank der Bemühungen des Gauwirtschaftsberaters Landrat Dr. Simmer, bereits 450 Fuder in drei Wochen verkauft worden seien. Selbst die ältesten Leute sagten, daß Trittenheim so etwas noch nicht erlebt hat." Nimmt man die Texte in ihrer Ganzheit, so läßt sich aus der in ihnen gebrauchten Begrifflichkeit ohne weiteres ablesen, daß ein wichtiger 'Nebeneffekt' darin besteht, die NSDAP als Wohltäter darzustellen.

Die Trittenheimer Schulchronik weiß zu berichten, daß "zur Weinwerbewoche vom 19.-26. Okt. von Trittenheim der Ortsbürgermeister, der Ortsgruppenleiter, Küfer, Winzerinnen u.a. mit [einem] Omnibus" nach Köln fuhren, "um sich an der Weinwerbung daselbst (Festzug) zu beteiligen" [Abbildung]. Auch der zu Beginn des Jahrhunderts gegründete Trittenheimer Musikverein trug auf seine Weise dazu bei, für das heimische Gewächs zu werben. Die positive Resonanz dieser Weinwerbung veranlaßte den 1933 gegen die Stimmen der Nationalsozialisten gewählten Ortsbürgermeister Lukas Ahl (1892-1962) dazu, die Gemeinde selbst für eine Weinwerbung in Gestalt eines Weinfestes zu engagieren.

Seiner Initiative ist es zu verdanken, daß sich 1936 ein Kreis junger Frauen Trittenheims zusammenfand, die sich durch die Trierer Tanzlehrerin G. Schneider in den Volkstanz einführen liessen; diese als 'Weinlieschen' bekannten Tänzerinnen wurden zur Wurzel der heutigen Winzertanzgruppe. Ihr Debüt bot die Tanzriege beim erstmals veranstalteten Winzerfest der Gemeinde Trittenheim dar. An drei Tagen im August des Jahres 1936 (15. bis 17.8.) feierte das Dorf in einem Zelt am Moselufer und kostete dabei gemeinsam mit den auswärtigen Gästen den Lohn der arbeitsreich bestellten Rebhänge. Mit Apollonia Bollig kürte man zugleich die erste Weinkönigin des Ortes.

Die Ausgestaltung des Winzerfestes orientierte sich am Kölner Fest, das man selbst mitgestaltet hatte. Es blieb auch nicht ohne Echo in der regionalen Presse. Unter dem Titel "Das große Winzerfest in Trittenheim" resümierte das nationalsozialistische 'Nationalblatt' am 21. August 1936:

"[...] Welch großer Sympathien sich der 'Trittenheimer' erfreut, das hat am Sonntag die unzählige Menschenmenge bewiesen, die gekommen war, um unser Fest mitzufeiern. Es war ein Volksfest im wahren Sinne des Wortes. Schon der Auftakt am Samstagabend brachte viele Fremden in unser kleines Dorf, die mit klingendem Spiel unserer Winzerkapelle ins Festzelt zogen. [...] Nach Ansprachen der Ehrengäste begann dann der Festkommers. Winzerinnen führten Reigen auf, Gesangverein und Musikverein unterhielten die Gäste mit schönen Liedern und Musikvorträgen. Einige Winzerinnen in ihren malerischen Trachten feierten die einzelnen Weinbergslagen Trittenheims durch schöne Gedichte, deren Berge dann auch plötzlich in märchenhaftem Licht erstrahlten. Diese Beleuchtung der Moselberge war außerordentlich stimmungsvoll, Raketen warfen ihre Feuergarben in das ruhig dahinfließende Wasser der Mosel, Böllerschüsse krachten und fanden ihr Echo im weiten Moseltal und dann hielt der Tanz Gäste und Einwohner noch viele Stunden beisammen. Ein verheißungsvoller Anfang, der für den Sonntag sehr viel versprach. Schon am Vormittag kamen die Gäste von allen Seiten und mit allen möglichen Verkehrsmitteln nach hier und der Zustrom verstärkte sich bis in die Nachmittagsstunden zu Beginn des Festzuges. Dieser war das Ereignis des Tages, denn er übertraf alle Erwartungen. In seinen Reihen sah man 'Griechen', 'Römer', 'Germanen', die alle Freunde des Weines und Weinbaues waren; es folgten Kelterwagen, Halfenschiff, Zechergruppen, Marketenderwagen aus dem Mittelalter. Den Uebergang zur neueren Zeit brachten Gruppen von Weinbergsarbeitern und Arbeiterinnen in ihren typischen Arbeitstrachten beim Binden, Schneiden, Spritzen, Graben und Ernten. Weitere Gruppen zeigten Faßwerkstatt, Kellerbehandlung, Abfüllen der Weine, Verpacken usw. Sogar den spanischen Handelsvertrag [1924] hatte man nicht vergessen, der seinerzeit den Niedergang des deutschen Weinbaues verschuldete. Eine besondere Gruppe stellte sinnvoll die Folgen dieses Vertrages dar. Die nächste Gruppe nahm diesen bedrückenden Eindruck wieder weg, indem sie den Aufstieg des deutschen Weinbaues durch die Maßnahmen der [sic] Dritten Reiches, wie die Patenwein-Aktion u.a. versinnbildlichte. Den Höhepunkt des Zuges bildete der Wagen der Patenschaft Köln mit der Weinkönigin. Besonders bemerkenswert war der Schluß des Zuges, ein Wagen einer rheinischen Schokoladenfabrik. Er zeigte Pralinen, die mit Trittenheims Wein zum ersten Male in der Geschichte der deutschen Pralinenfabrikation auf Anregung des k. Amtsbürgermeisters hergestellt worden waren. [...] Der Zweck des Festes wurde erreicht, unserem Wein wurden weitere Freunde geworben, Gästen und Einwohnern wurden einige Tage Frohsinn und Freude geschenkt."

Das Weinfest stimmte die neugekürte Tanzgruppe ein auf das wenige Wochen später stattfindende "Fest der deutschen Traube" (19. bis 27. September 1936) in Köln-Gürzenich; im Rahmen der Patenschaft mit Köln konnte der Ort in rund 85 Fuder Wein ausliefern.

Der Erfolg dieses Festes ermutigte auch im folgenden Jahr zu erneuten Ausrichtung eines Winzerfestes. Auch 1937 (vom 7. bis 9.8.) folgte man im Ablauf dem vorausgegangenen Fest. Daß dieses zugleich für mehr als ein Jahrzehnt das letzte sein sollte, daran hatte wohl damals niemand gedacht. Zwar plante man auch 1938 für ein weiteres Fest im August, doch der Staat kam der Umsetzung zuvor, da er in seiner Vorbereitung des Krieges in diesem Monat eine große Anzahl Westwallarbeiter in Gasthäusern und Sälen einquartierte. Im folgenden Jahr schließlich stand nicht nur der Zweite Weltkrieg bevor, vielmehr hatte das Winzerfest in der Person des abgesetzten Bürgermeisters, dem man seine freundliche Haltung gegenüber den zurückgebliebenen jüdischen Einwohnern zum Vorwurf gemacht hatte, einen wichtigen Initiator verloren.